Ich könnte schon wieder

Beinahe jeder, der einmal auf dem Camino de Santiago unterwegs war, scheint den unbedingten Drang zu verspüren, immer wieder dorthin zu gehen. Eine Mitpilgerin, die ich in diesem Jahr auf dem Camino Primitivo begegnet bin, hat es so ausgedrückt: „I‘m a Camino addict.“ – Ich bin süchtig. – Auf Facebook gibt es inzwischen mindestens eine Gruppe, die sich mit dem Thema beschäftigt, warum Pilger nach ihrer Rückkehr allesamt in ein schwarzes Loch fallen, sich niedergeschlagen fühlen, es vor Sehnsucht fast nicht aushalten – und wie man mit dieser Trauer umgeht. Der Australier Brendan Bolton, der auch der Gründer besagter Facebook-Gruppe ist, betreibt einen Podcast, in dem er gemeinsam mit Pilgern der Frage nachgeht, wie man den Camino mit nach Hause nehmen kann (https://projectcamino.com/).

Ich selbst habe nach meiner Rückkehr im vergangenen Jahr ein Youtube-Video nach dem anderen geschaut, mich auf den Weg zurückgesehnt und gedacht, ich könnte nie wieder glücklich sein ohne meinen geliebten Camino. Es ist beinahe, wie wenn eine Liebesbeziehung plötzlich zerbricht. Ganz zu schweigen von den vielen Emails, die ich mit meinem Freund Keith aus Texas (www.juspassinthrough.com) über den Weg und die Erfahrung ausgetauscht habe.

Keith hatte am Wochenende seine Pilgerfreunde aus Texas zu Gast. Anlass war die Ausstellung seiner Pilgerfreundin Renee, die den Camino in ihren wundervollen Bildern thematisiert hat. (https://nreneer.wordpress.com/). Die Pilgerfreunde hatten eine gute Zeit und das Treffen hat anscheinend die alte Sehnsucht wieder an die Oberfläche geholt. Jedenfalls schreibt Keith, dass er eines seiner liebsten Bücher über den Camino, „A Million Steps“ von Kurt Koontz wieder liest, weil ihn der Weg so stark ruft und er ein überwältigendes Verlangen nach dem Camino hat. Und er ist wohl nicht der einzige der Texas-Freunde. Jetzt fragt er sich – und auch mich – nach dem Grund für diesen übermächtigen Ruf.

Was soll ich dazu sagen? Ich frage mich auch immer wieder, was es denn eigentlich mit diesem Weg auf sich hat. Gerade mal etwas mehr als einen Monat wieder zurück vom Primitivo, könnte ich schon wieder losgehen. Inzwischen bin ich viermal auf einem der Jakobswege in Spanien gelaufen. Und ich plane, nächstes Jahr wieder einen Pilgerweg, wenigstens für zwei Wochen. Was treibt mich dazu an?

Ich könnte hier eine ganze Menge positiver Erfahrungen aufzählen. Da ist zum einen die langsame Fortbewegung, das schrittweise Annähern an ein Ziel, das so klar und dennoch in so weiter Ferne ist, dass man es sich gar nicht vorstellen kann und auch nicht vorstellen will. Du setzt einfach einen Schritt vor den anderen und überlässt dich der Zeit in der Gewissheit, dass du irgendwann schon ankommen wirst. Alles ist so erfreulich unkompliziert. Du stehst in der Frühe auf, packst deine paar Habseligkeiten und läufst einfach los. Am Nachmittag kommst du irgendwo an, wäschst deine Wäsche durch, gönnst dir eine Dusche und ein Essen. Du unterhältst dich mit anderen über den Weg und das Leben, lachst, weinst, feierst das Leben. Dann gehst du schlafen und fängst am nächsten Tag von vorne an. Mein Leben zu Hause scheint ungleich komplizierter.

Ein weiterer Aspekt – und vielleicht auch der Grund dafür, dass du dich deinen Mitmenschen auf dem Pilgerweg so schnell öffnest – ist das gemeinsame Ziel und die gemeinsame Erfahrung, obwohl jeder als Individuum unterwegs ist und jeder auch sein eigenes Päckchen zu tragen hat.

Du bist mit jedem Schritt in der Gegenwart. Immer. Und du kannst es dir nach kurzer Zeit auch schon gar nicht mehr anders vorstellen. Deine Gedanken hören ganz einfach auf, um Dinge zu kreisen, die in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegen. Es zählt nur das Heute. – Wer wären wir zu Hause, wenn wir nicht diese ständigen Sorgen mit uns herumtragen würden? Und warum gelingt es uns, die Sorgen auf dem Weg loszulassen und zu Hause eben nicht? Ist unser Leben ganz einfach zu voll? Und was hindert uns daran die vielen Dinge einfach loszulassen?

Du bekommst auf dem Weg einen anderen Blick auf das, was im Leben wirklich zählt. Nicht „meine Frau“, „mein Haus“, „mein Auto“ usw, sondern: Freundschaft, Zusammenhalt, Gesundheit, einfaches Essen, ein Dach über dem Kopf, eine erfrischende Dusche. Das sind wirkliche Werte und damit bist du schon völlig zufrieden.

Wenn du gerade auf dem Camino bist, wird dir vielleicht in Santa Irene, etwa 25 Kilometer vor Santiago, Walter begegnen. Walter steht dort jeden Tag und verkauft sein Buch „La Soledad Compartida“ (Die geteilte Einsamkeit). Er sagt, er steht mit Absicht genau dort, hinter sich die verkehrsreiche laute Straße, vor sich den nicht abreißenden Pilgerstrom. ‚Wenn du es schaffst, bei diesem Lärm gelassen zu bleiben‘, sagt er, ‚dann brauchst du keinen Camino mehr zu gehen.‘ So sieht er es. Er ist immer noch auf dem Weg, obwohl er stehen geblieben ist, um unterwegs zu sein.

Für mich war jeder Weg bisher anders. Und auch das ist das Spannende an diesem Camino. Er zeigt mir Aspekte meines Lebens und durch die Bewegung bekomme ich Impulse, werden Voraussetzungen geschaffen, um diese Aspekte zu transformieren und etwas Neues entstehen zu lassen. Damit muss ich dann zu Hause fertig werden. Oder besser ausgedrückt: Ich habe die Chance, das Neue in mein Leben zu integrieren. Meiner Ansicht nach muss diese Arbeit getan werden, bevor ich mich er-neut – auf den Weg mache.

Der Camino, das ist für mich die Hoffnung, dass ich trotz aller Widrigkeiten im Leben jederzeit die Fähigkeit habe, Glück zu empfinden. Der Camino, das ist Einatmen – Ausatmen. Der Camino ist das Leben selbst. Nur sehr viel überschaubarer.

 

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3 Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben. Tatsächlich ziehe ich auch als Wiederholungstäter auch immer wieder den Vergleich zum Leben. Es geht mal bergauf, mal bergab. Mal steinig, mal locker flockig. Aber immer Schritt für Schritt vorwärts.

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