Noch ein bisschen fremd auf der Vía

Seit meiner Ankunft in Sevilla vergangenen Samstag habe ich auf der Vía de la Plata nun schon knapp 130 Kilometer zurückgelegt und fremdele nach wie vor ein wenig mit diesem Weg, dessen Weite und Härte mich manchmal vor Entsetzen erschaudern lässt und der doch gleichzeitig so wunderschön ist.

Bislang konnte ich mich auch noch nicht dazu bewegen, hier ein wenig zu berichten. Ich bin voll und ganz mit mir selber beschäftigt. Damit, ob mein vor Monaten verstauchter Knöchel durchhält, ob ich genügend Wasser dabei habe, ob ich mental stark genug bin, die langen Strecken ohne Schatten in der Hitze zurückzulegen.

Heute früh, als ich von Monesterio aufgebrochen bin, hab ich zum ersten Mal wirklich geglaubt, dass ich diesen Weg ganz gehen kann. Der Rucksack fühlte sich leicht an, die Beine waren ausgeruht und ich war sehr ausgeschlafen und hatte gut gefrühstückt.

Der erste Teil der Strecke durch die Extremadura führt durch Hutelandschaften, Dehesas genannt. Unter Steineichen- und Korkeichen grasen Kühe und Schafe, die iberischen Schweine, die sich von den Eicheln ernähren, haben hier ein glückliches Leben. Die Eichen spenden ein wenig Schatten, die Wege sind von Naturmauern umsäumt.

Etwa zehn Kilometer hinter Monesterio bekam ich dann zum allerersten Mal eine Ahnung von dem, was mich in den nächsten Tagen erwartet. Die Landschaft öffnete sich, und vor mir lag eine Ebene in Braun und Schwarz. Endlose Weite, kein Schatten. Das wird mich in den nächsten Tagen wohl begleiten.

Ursprünglich hatte ich geplant, bis ins 20 Kilometer entfernte Fuente de Cantos zu gehen. Doch weil die Herberge dort geschlossen zu sein scheint, entschied ich, die Gelegenheit zu nutzen und sechs Kilometer weiter zu gehen nach Calzadilla de los Barros. Nur am Rande: Solche Gelegenheiten gibt es hier nicht so oft, denn meistens folgen auf zwanzig Kilometer ohne Rastmöglichkeit weitere zwanzig Kilometer.

Ich gönnte mir also eine Pause bei Bocadillo und Café con Leche in der Bar Salas und füllte mein Wasser für die letzten Kilometer in der Mittagshitze auf. Vorsichtshalber rief ich in Calzadilla an, um zu fragen, ob die Herberge geöffnet ist. Mit der Information, dass ich kommen kann, schwang noch ein wenig Zeitdruck mit. Ich sollte nicht später als halb drei kommen, weil man sonst schließe. Die freundliche Hospitalera schickte noch einen ganzen Schwall weiterer Informationen hinterher, die ich wegen meiner lausigen Spanisch-Kenntnisse leider nicht verstand.

Nach einem Fußmarsch über die aufgeheizte Schotterpiste kam ich rechtzeitig in Calzadilla an, stand jedoch vor verrammelter Tür. Wie sich herausstellte, musste ich den Schlüssel im Rathaus abholen. Daher also das knappe Zeitfenster und der Redeschwall.

Ich bekam meinen Stempel, den Schlüssel zur Herberge und auch gleich noch zwei Willkommenspakete mit je einem Apfel und einer kühlen Flasche Wasser in die Hand gedrückt. Dazu noch den sehr gut gemeinten Rat, ich solle wegen der Hitze zusehen, in Zukunft nicht erst um halb drei irgendwo ankommen. Damit kann ich gut. Bloß: Bei Sonnenaufgang um 7 Uhr morgens und langen Etappen ist es einfach schwer, sich daran zu halten. – Aber klar, ich lerne dazu und habe mir gleich neue Batterien für meine etwas funzelig gewordene Stirnlampe zugelegt, damit ich mich künftig früh morgens im Dunkeln besser zurecht finde.

Natürlich ist eine Ankunft um halb drei auch deshalb ungünstig, weil dann die Bar auch geschlossen hat, bis man endlich mal nach Dusche und Wäsche waschen soweit ist, dass man an Essen denkt. Für heute hatte ich Glück. Außerhalb des Dorfes verläuft die N-630 und es gibt eine Fernfahrer-Raststätte. Der Wirt war gerade am Zuschließen, schmiss aber kurzerhand für mich nochmal den Herd an.

Der Camino gibt.

Landschaft in der Extremadura, zwischen Monesterio und Fuente de Cantos

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