Tag 10: Torremejía – El Carrascalejo (31.05.2022)

Die Nacht war ruhig in dem kleinen Ort, der durch seine Infrastruktur schon die nahe Stadt erahnen lässt. Die Nationalstraße N-630 geht mitten hindurch, aber weit genug entfernt von unserer Unternkunft. Wir sind zu dritt im Schlafsaal: Gabor, Gorazd und ich. Irgendwie denke ich schon „wir“, nachdem wir seit einigen Tagen zwar selten gemeinsam, aber irgendwie doch miteinander unterwegs sind.

Wenn einer den Anfang macht beim Aufstehen, sind die anderen meist auch nicht mehr zu halten. Mit Ausnahme von Gabor, der noch jung und ausdauernd genug ist, auch lange Strecken unter der glühenden Sonne unbeschadet zurückzulegen. Heute wird er nur bis Mérida gehen und hat sich ein Hotelzimmer reserviert, um per Video-Call ein Bewerbungsgespräch zu führen. So macht man das heute, mal eben von unterwegs in Pilgerkluft mit staubigen Schuhen. Irgendwie aufregend. Aber beneiden tu‘ ich ihn nicht.

Das Frühstück ist nicht ganz ungetrübt, weil das Licht per Zeitschalte getaktet ist und nach wenigen Minuten stumpf ausgeht. Mit dem Licht ist es eh so eine Sache in Spanien. Am schlimmsten ist es auf den Toiletten in Bars, wo man gut daran tut, sich schon beim Reingehen direkt etwas Toilettenpapier abzureißen, weil man Gefahr läuft, bei der Sitzung plötzlich von Dunkelheit umnachtet zu werden. Meist gibt es hier einen Bewegungsmelder, so dass ich in dem Fall erst einmal wild mit den Armen herumzuwedeln. In der Regel nützt das nichts, weil der Bewegungsmelder für mich oft nur stehend zu erreichen ist. Aber das nur am Rande.

Beim ersten Reinschlüpfen in meine Wanderschuhe meldet mein rechter Fuß, dass die neue Innensohle mir Probleme machen wird. Ich fluche innerlich, weil ich das Thema nach dem guten Tag gestern eigentlich als erledigt betrachtet hatte. Also nochmal die Sohle raus und ein paar Milimeter abgeschnitten. Es scheint zu helfen.

Die Herberge verlasse ich heute gemeinsam mit Gorazd. Es ist noch relativ dunkel, die Wegführung erst einmal unruhig und schlecht markiert. Wir gehen eine ganze Zeitlang einen kleinen Trampelpfad neben der Straße her, der dann plötzlich im Nirvana endet, weil ein Stück später, wie man von der höheren Nationalstraße aus sehen kann, eine größere Pfütze den Weg unpassierbar macht. Das Problem umschifft, können wir nach etwa 500 Metern wieder zurück auf den Trampelpfad, bis wir eine Anhöhe passieren und dann für etwa zwei Kilometer auf der Straße gehen müssen. Ich stelle mich schon mal mental auf ewig lange Industriegebiete und Asphaltstraßen ein, doch der Weg überrascht mich nach einiger Zeit mit weiteren Trampfelpfaden durch eine Natur, die das nahe gelegene Straßennetz vergessen lässt.

Mit Gorazd finde ich heute keinen gemeinsamen Rhythmus und beschließe, es auch gar nicht weiter zu versuchen. Doch nach einiger Zeit wartet er auf mich und leistet mir für ein paar Minuten Gesellschaft bei einer kleineren Pause, zieht dann aber wieder davon. Hastig packe ich meinen Kram und hefte mich an seine Fersen. Aber ich ärgere mich ein wenig über mich selber, dass ich mich so leicht aus meinem eigenen Rhythmus bringen lasse.

Mérida empfängt uns an der Puente Romano, die mit 800 Metern Länge und 60 Bögen wohl eine der größten Brücken des Römischen Reichs war. Gegenüber liegt die Puente de Lusitana, deren Bogen sich im ruhigen Lauf des Río Guadiana spiegelt.

Wir nehmen uns ein bisschen Zeit für ein ordentliches Frühstück in einem Café in der Fußgängerzone. Im Tourismusbüro hole ich mir einen Stadtplan und ein paar Kulturtipps für einen kurzen Aufenthalt in der Stadt. Das Amphitheater hätte ich gerne besichtigt, aber weil es heiß ist und wir noch weitere sechzehn Kilometer vor uns haben, schaffen wir es nur bis an den Zaun, der noch nicht einmal einen Blick auf das Bauwerk erhaschen lässt. Immerhin führt der Weg am Aquädukt vorbei, das ein nicht minder beeindruckendes Relikt aus römischer Zeit ist. Und dann sind wir auch schon wieder draußen aus der Stadt.

Es ist mittlerweile fast Mittag. Und es ist mal wieder glühend heiß. Der Asphalt flimmert und es geht den Berg hinauf, bevor man zum Stausee von Proserpina kommt. Kurz davor lädt ein großer Picknickplatz mit Tischen und Bänken und einem Wasserhahn zur schattigen Rast ein. Die brauche ich auch dringend.

Anschließend führt der Weg eine ganze Zeitlang am Seeufer entlang. Gorazd ist weit voraus und aus unerfindlichen Gründen versuche ich dran zu bleiben. In einem der Restaurants am See winkt uns der Engländer Mark von der Terrasse, vor sich eine Schüssel mit Gemüse. Mark ist mir zum ersten Mal in Villafranca begegnet, wo er ein einziges Mal in der Herberge geschlafen hat. Sonst nächtigt er draußen in seiner Hängematte. Er ist unterwegs von Gibraltar nach Gijón an der Atlantikküste und im großen und ganzen unabhängig vom Pilgerweg, querfeldein. Und weil er lange in den Abend läuft, hat er Zeit für lange Mittagspausen und Siesta. Ich beneide ihn ein bisschen um seine Unabhängigkeit und darum, dass er sich die Zeit nimmt, später noch ein wenig im See zu baden. Nicht, dass ich das nicht auch könnte. Aber aus irgendeinem mir selbst nicht erfindlichen Grund fühle ich mich ein bisschen verpflichtet, Gorazd zu folgen. Vielleicht ist es auch ein wenig meine Sorge, den körperlichen Herausforderungen der Vía nicht standzuhalten.

Unterdessen hat Gorazd seinen Sonnenschirm aufgespannt und gibt das Tempo vor. Irgendwann platzt bei mir der Knoten. Ich habe einfach keine Lust mehr hinterher zu laufen. Nach einer Stunde endlich kann ich ihn einholen und erkläre ihm, dass ich von jetzt an nicht mehr an ihm dran bleiben und lieber allein gehen möchte. Er wirkt ein wenig verletzt und ich beeile mich, ihm zu erklären, dass es nichts mit ihm zu tun hat und es mich freut, wenn wir uns am Abend treffen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass nichts von dem ankommt, was ich sage. Er bedeutet mir mit einer Geste, dass ich weitergehen soll und bleibt von jetzt an weit hinter mir. Ich bin ein wenig traurig, weil ich möglicherweise einen Camino-Freund verloren habe.

In der Herberge von El Carrascalejo bleibe ich alleine. Gorazd ist drei Kilometer weitergegangen nach Aljúcen. Den Schlafsaal teile ich mir mit einem Brasilianer, mit dem ich leider überhaupt kaum kommunizieren kann, weil er ausschließlich Portugiesisch spricht. Ich bekomme noch ein Mittagessen und schaue mir anschließend das Dorf an, das durchaus Charme hat. Außer der Herberge mit Restaurant gibt es hier jedoch keinerlei Infrastruktur. Immerhin habe ich das Glück, dass eine Frau gerade die Kirche aufschließt. Sie erklärt mir, dass sie Blumen bringt für die gerade aufgestellte Madonnen-Statue. In wenigen Tagen werden sie hier am Ort ein Fest feiern. Das Zelt dafür steht bereits neben der Pilgerherberge.

Ich lasse mich für eine Weile auf der Kirchenbank nieder und plötzlich befällt mich eine unsägliche Traurigkeit. Es fühlt sich heute an, als hätte ich meine kleine Camino-Familie verloren. Erst später, als ich in der Bar ein angeregtes Gespräch mit einem Franzosen habe, der gerade kreuz und quer mit dem Rad durch Spanien fährt und mir mit strahlenden Augen davon erzählt, und als dann auch Mark noch aufkreuzt, da fühle ich mich wieder ein wenig heimisch auf der Vía.

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