Ein Auf und Ab der Emotionen

Es ist schon ein Auf und Ab der Emotionen auf diesem Camino. Heute war ich, wie üblich, um kurz nach sechs auf der Piste. Sobald die Sonne so gegen sieben Uhr jetzt im Mai sich über dem Horizont zeigt, trödele ich herum und kann mich gar nicht sattsehen an der Schönheit.

Von Carrascalejo, einige Kilometer hinter Mérida, das ich gestern in Begleitung meines slowenischen Pilgerfreundes Gorazd passiert habe, führt der Weg erst einmal wieder durch die Dehesas, unterquert dann die Autobahn A-66. Kurz darauf gehe ich durch da attraktiv wirkende Städtchen Aljucén mit seinem netten Landhotel. Zwei Kilometer weiter betrete ich den Naturpark Cornalvo, den ich an diesem Morgen ganz für mich allein habe. Einzig das markante Profil von Gorazd‘s Schuhen verrät, dass hier heute schon mal jemand unterwegs war.

Blaues Licht, Korkeichen, weidende Kühe sind das Szenenbild für meinen Weg heute und das Denken kommt zur Ruhe. Die vergangenen zwei Tage war ich mit Gorazd unterwegs. Heute bin ich wieder mit mir allein und genieße es, wieder in meinen ganz eigenen Rhythmus einzutauchen.

Dennoch fremdele ich so dann und wann wieder mit dem Alleinsein, denn die bisherigen Camino-Bekanntschaften zerstreuen sich gerade in alle Winde, und der Gedanke, ich könnte sie nicht wiedersehen beunruhigt mich.

Außer dem Engländer Marc, der meistens draußen schläft und einem völlig anderen Rhythmus von Essen, Schlafen und Gehen folgt, treffe ich heute niemanden. Es ist schon interessant, wie schnell man die Begleitung der Menschen hier in dieser Einöde vermisst. Gerade auf diesem einsamen und zuweilen harten Weg hier auf der Plata, kommt man einander sehr schnell nahe und man erfährt sehr schnell Bewegendes voneinander.

Kurz bevor ich eigentlich in Alcuéscar ankommen sollte, werde ich urplötzlich aus meinen Gedanken gerissen. Denn obwohl die Granitsteine, die die Calzada Romana markieren, noch den Weg säumen, befinde ich mich etwa zweieinhalb Kilometer westlich vom Ort und bin eigentlich schon auf dem Weg in Richtung Valdesalor. Augenblicklich bin ich völlig verwirrt und gerate erstmal leicht in Panik, weil es etwa zwölf Kilometer weiter zwar eine Herberge, aber keinen Laden gibt, und ich muss dringend Essen kaufen. Auf den langen Etappen gibt es in der Regel nichts, weder Wasser noch Essen.

Immer noch zweifelnd, ob der Ort da drüben in der Ferne wirklich Alcuéscar sein kann, navigiere ich mich mit Hilfe meiner Wander-App dorthin und lande schließlich nach einer Dreiviertelstunde genau vor der Herberge des Ordens „Sklaven Mariae und der Armen“. Und auch dieser Titel ist nicht gerade so gestrickt, dass ich mich hier völlig wohl und aufgehoben fühle.

Die Herberge ist noch geschlossen. Während ich gegenüber in der Bar erstmal eine große Flasche Wasser bestelle, tauchen aus allen möglichen Ecken vereinzelt Pilger auf. Immerhin: Mein brasilianischer Zimmergenosse der letzten Nacht ist auch dabei. Seinen Mix aus Portugiesisch und Spanisch verstehe ich kaum, die Unterhaltung mit ihm ist sehr mühsam. Aber zumindest ist er mir schon ein bisschen vertrauter als die Gruppe aus Italienern, einer Australierin und einer Französin.

Die Aufnahme in der Herberge des Ordens ist zum Glück sehr freundlich. Emilio nimmt sich recht viel Zeit, die bisherigen Stempel im Pilgerpass zu studieren und vor allem, um erstmal die Hausordnung durchzugehen. Ich habe das Glück, dass bei Frankfurt was in ihm klingelt, denn er kennt wohl Wiesbaden recht gut. Und schon habe ich einen Stein bei ihm im Brett. Und als er mir zusagt, dass er mich um 5:30 morgen rauslässt, was gegen die Hausordnung ist, die vorschreibt, dass die Tür bis sechs Uhr geschlossen bleibt, fühle ich mich wieder halbwegs zu Hause.

Ein Auf und Ab eben.

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