Die Krise meistern (Teil II) – Im gegenwärtigen Moment sein

Wenn ich mich in der Meditation auf meinen Atem konzentriere, gibt es einen Moment der völligen Stille: die Atempause zwischen Ein- und Ausatem. Aktuell erleben wir, dass die Welt den Atem anhält; wir befinden uns also genau in diesem Augenblick der Stille. Mir erscheint es fast so, als würde die Welt für unsere hyperaktive, gestresste Spezies extra angehalten, um den gegenwärtigen Moment möglichst lang auszudehnen, damit es wirklich jedem – mit oder ohne Meditationserfahrung – gelingt, die Gegenwart unmittelbar zu erfahren. Wenn wir in die Stille hinein horchen, dann können wir auch wieder spüren, dass wir alle miteinander verbunden sind.

Das ging mir gestern früh durch den Kopf, als ich meine Jogging-Runde drehte, und ich erinnerte mich an ein Bild, das ich während meines Camino 2017 aufgenommen habe. Dasein findet immer nur genau jetzt statt. Dieser Moment steht uns allen zur Verfügung, solange wir atmen.

Wie gelingt es mir, bewusst in der Gegenwart zu sein? – Hier ein paar meiner Strategien:

Kreativ sein:
Ich habe mich sehr gefreut zu lesen, wie kreativ viele von uns die Erfahrung der Corona-Krise und das damit verbundene Verharren in den eigenen vier Wänden verarbeiten und damit ganz automatisch eintauchen in den gegenwärtigen Moment. Manche haben angefangen, ihre Gedanken zur aktuellen Situation in einem Tagebuch aufzuzeichnen oder schreiben nun ihre Erfahrungen auf, die sie auf dem Jakobsweg in Spanien gemacht haben.

Genau das habe ich auch vor etwa zwei Jahren auf Anregung meines Camino-Freundes Keith aus Texas getan. Die tieferen Beweggründe für meinen langen Weg von St.-Jean-Pied-de-Port nach Muxia und Finisterre findet Ihr auf seiner Seite Juspassinthrough.com. Das Dokument enthält die deutsche und die englische Fassung. Nicht zuletzt verdankt Vagabunterleben.net seine Existenz der beständigen Ermutigung durch Keith.

Ich habe auch ein früheres Projekt wieder aufgenommen. Ich sammle auf meinen Wanderungen Steine, bemale und beschrifte sie mit einem Segensspruch und wildere sie dann wieder aus. – Nichts Dolles, da ich nun wahrlich überhaupt nicht mit Pinsel und Farbe umgehen kann. Aber die Steine sind bunt und sie werden auch mitgenommen. Das macht mir Freude und vielleicht auch dem einen oder anderen, der da draußen auf so einen Findling stößt.

Yoga:
Eine Möglichkeit, immer wieder bei mir und in der Gegenwart anzukommen, ist Yoga. Seit ich von zu Hause arbeite, habe ich mehr Zeit für die eigene Praxis, und das wird für mich im Alltag direkt spürbar. Ich bin viel präsenter, ausdauernder und auch gelassener, wenn der Tag für mich mit Yoga und Meditation beginnt. Die alten Techniken lassen mich nicht nur zur Ruhe kommen, sondern stärken auch das Immunsystem.

Als Yogalehrerin unterrichte ich einmal in der Woche nebenbei und bin sehr berührt von der Bereitschaft aller Teilnehmer, am Experiment „Yoga über Skype“ teilzunehmen. Wir haben bereits zwei Stunden zusammen gehabt. Und es ist auch über den digitalen Umweg ganz deutlich, welche wichtige Bedeutung gerade jetzt auch die gemeinsame Praxis hat.

Mit Yoga übe ich, eine neutrale Geisteshaltung einzunehmen; auch und gerade dann, wenn es schwierig wird. Es gelingt mir nicht immer, das von der Matte ins „wirkliche“ Leben zu transportieren, aber ich mache Fortschritte.

Bewegung an der frischen Luft:
Ich bin sehr froh, dass ich noch nach draußen gehen kann. Denn für mich persönlich hängt das Denken ganz stark mit der Bewegung zusammen. Wenn ich mich nicht bewege, wird mein Denken starr, weinerlich und negativ. Die direkte Berührung mit der Natur beim Laufen und beim Wandern, der Austausch des Körpers mit der Natur über den Atem und alle Sinne, die Bewältigung von Distanzen aus eigener Kraft geben mir das Vertrauen, dass ich schon gut aufgehoben bin in dieser Welt.

Eine Kundin hat mir neulich berichtet, dass sie von einer Freundin Spiegelfliesen geschenkt bekommen hat, die sie nun mit auf ihre Wanderungen nimmt. Diese Fliesen lassen sich leicht transportieren und man kann sie überall aufstellen, um auch mal einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Das ist eine wunderbare Idee und absolut nachahmenswert. Ich werde es ausprobieren. Welch ein Glück, dass die Baumärkte auch noch geöffnet haben!

Grünes für Leib und Seele:
Seit Aschermittwoch ist mein Kühlschrank randvoll mit allem, was von Natur aus grün ist. Das bedeutet, ich esse grüne Gemüse, grünes Obst, Mungbohnen und grüne Linsen, grüne Kräuter, Salate, Kürbiskerne, Avocados – nun, eben alles was die Farbe Grün hat. Ihr glaubt gar nicht, was für einen Spaß es macht, immer wieder ein grünes Gericht auf den Tisch zu zaubern.

spinat-kohlrabi

Diese grüne Fastenkur ist für mich die angenehmste Methode, Ballast jeglicher Art loszuwerden. Die Bitterstoffe entlasten meinen Körper, die vielen Mineralien in grünen Lebensmitteln sorgen für innere Gelassenheit und lassen mich die Ruhe bewahren angesichts der Ungewissheit über die Zukunft. Die „Grüne Diät“ hat noch viele weitere gute Effekte. Wer sich dafür interessiert, kann das auf meiner Yoga-Seite nachlesen.

Soziale Kontakte:
Ganz wichtig in der Zeit der Isolation ist gerade für mich als Single der Kontakt zu Familie, Freunden und Nachbarn, aber auch zu Menschen, die in dieser Zeit so wacker an der Front sind. Ich muss gestehen, dass ich inzwischen sehr viel mehr darauf achte, der Kassiererin im Supermarkt ein freundliches Lächeln zu schenken. Ein bisschen hat das auch damit zu tun, dass ich mich hinter der Gesichtsmaske ein bisschen unwohl fühle. Ich möchte, dass mein Gegenüber mir trotzdem noch ansieht, dass ich ihm wohlgesonnen bin.

Wir haben ja alle ein Riesenglück, dass wir heutzutage auch virtuell miteinander in Kontakt bleiben können. Ich habe bereits vor zwei Wochen begonnen, einigen Freunden zu erklären, wie man WhatsApp für einen Video-Chat nutzt oder was eigentlich FaceTime ist. Man stelle sich mal vor: Es gibt Leute, die sich noch nie gefragt haben, was sich eigentlich hinter dem Kamera-Symbol auf ihrem Smartphone verbirgt. – Aber Scherz beiseite. Ich gebe offen zu, dass ich vor nicht allzu langer Zeit auch eine der Unwissenden war. Wir gehören schließlich noch zu der Generation, die ohne die digitale Welt aufgewachsen sind.

Mein Camino-Freund Keith hat vergangene Woche ein globales Pilger-Treffen über Zoom organisiert. Ein Treffen über viele Zeitzonen hinweg zwischen Europa, Südafrika und Texas. Wir können also heutzutage Zeit und Raum einfach per Mausklick überwinden, um uns jetzt und hier zu begegnen.

Also, insgesamt betrachtet, gibt es doch eine bunte Palette an Möglichkeiten, diesen so launisch ausgedehnten langen Moment der Stille anzunehmen und zu leben.

In den kommenden drei Tagen möchte ich mich mit den Chancen beschäftigen, die sich für mich in der Krise bieten. Bis dahin wünsche ich Euch eine gute Zeit.

Buen Camino!

3 Kommentare

  1. Beautiful. I really believe this space and time we have been given has helped me hold onto those last precious moments we spent with my dad as well as conjure up so many sweet memories. However, I have been floating through my day (which is perfectly okay given our loss). Yesterday I got up and started with an online Pilates class, after that, I was able to focus on things that needed to get done. Love you, Renee

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