Tag 26: Triacastela – Molino de Marzán (17.06.2017)

Für die meisten Menschen, die sich aufmachen, den ganzen Camino Francés von St.-Jean-Pied-de-Port bis ans Ende der Welt zu gehen, stellt der Weg anfangs eine gewaltige physische Herausforderung dar. Viele kämpfen mit den Steigungen der Pyrenäen und auch im Bierzo. Ich habe mir darüber von Anfang an wenig Sorgen gemacht. Ich habe mich eher auf die mentale Challenge vorbereitet. Mit wirklichen körperlichen Schwierigkeiten habe ich nicht gerechnet.

Heute – nachdem ich in 25 Tagen fast 700 Kilometer zu Fuß zurückgelegt habe – steht schon nach wenigen Schritten fest: Ich habe ein Problem! Mein linkes Schienbein macht sich bei jedem Schritt unangenehm bemerkbar. Eine Sehnenentzündung. Zum allerersten Mal bin ich in meiner Bewegung eingeschränkt. Damit wird das Tagesziel auf einmal völlig ungewiss.

Der Weg nach Sarria hält einige steile Steigungen und Gefälle bereit. Und obwohl ich in Triacastela ein gutes Frühstück bekommen habe, muss ich bereits nach acht Kilometern in Montán eine Pause einlegen und die Schuhe ausziehen. Lucia und ihre belgisch-französische Gruppe leisten mir Gesellschaft. Christian besorgt Eis für mich, Luisa stabilisiert mein Bein mit ihrer elastischen Binde, Marc schenkt mir seinen Rest Voltaren. Es tut so gut, so umsorgt zu sein. Bestärkt humpele ich los.

In Sarria treffe ich Luisa und die anderen wieder. Sie beratschlagen, wo sie die Nacht verbringen wollen. Sie müssen ein wenig Strecke aufholen, haben in Molina de Marzán Betten reserviert, weil sie zu fünft auf den letzten 100 Kilometern Schwierigkeiten haben werden, eine Herberge zu finden.

Nur wer die letzten 100 Kilometer zu Fuß zurücklegt bekommt in Santiago seine Compostela, die Pilgerurkunde. Weil es in Spanien etwas bedeutet, den Camino gegangen zu sein, ist der Weg ab hier stark überfüllt. Zuweilen ist es für die Pilger, die schon seit Wochen unterwegs sind, ab hier fast eine Zumutung. Denn man trifft hier häufig ganze Pilgergruppen, die nur mit einem kleinen Tagesrucksack und offenbar viel Energie für lauten verbalen Austausch schwatzend unterwegs sind.

Luisa, die fließend Spanisch spricht, wird schließlich fündig. Gleichzeitig reserviert sie mir ein Bett in Molina de Marzán. Meine Nacht ist also gesichert. Jetzt müssen mich meine Füße nur noch hintragen. Das gemeinsame Mittagessen in Sarria wird wohl leider unser Abschiedsessen werden. Mit meinen Beschwerden werde ich das Tempo nicht halten.

Die Strecke von Sarria bis Molina de Marzán zieht sich schmerzhaft für mich. Ich muss mehrere Pausen einlegen, bis ich endlich das Tor der rettenden Herberge sehe. Meine abgelegene Unterkunft heute ist eine über 100 Jahre alte Mühle. Es gibt einen Teich, ein Wirtschaftsgebäude und ein Wohnhaus. Unsere Hospitalera ist eine junge Frau und Künstlerin, die das Anwesen anscheinend allein mit ihrem riesenhaften Hund bewohnt. Ein wirkliches Idyll im Niemandsland. Wir sind nur etwa acht Pilger da draußen, zwei Kanadierinnen, ein Deutscher, ein Däne, zwei Amerikanerinnen und ich.

Schon jetzt vermisse ich Luisa, Christian, Marc und seinen Freund.

Ich frage mich wirklich, warum man manchen Pilgern nur einmal oder ein paarmal begegnet und dann nie wieder. Und warum andere so beharrlich immer wieder auftauchen. Manchmal habe ich das Gefühl, das alles folgt einem geheimen Plan, den aber niemand auf dem Camino zu durchschauen scheint.

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