Tag 11: El Carrascalejo – Alcuéscar (01.06.2022)

Wie wenig Überblick ich so manches Mal über die eigene Situation und meinen Standpunkt habe. Da verlasse ich früh morgens die Herberge, um in der Morgendämmerung eine kleine Anhöhe aus dem Ort heraus zu nehmen, der völlig abgeschieden und fern jeder Zivilisation scheint. Und dann gehe ich dreißig Minuten später durch einen Autobahntunnel hindurch. Einsames weites Land – offensichtlich eine Täuschung. Mir fehlt wohl die Übersicht.

In Aljucén, das man, kaum hat man die vierspurige Schnellverkehrsstraße passiert, nach weiteren zehn Minuten erreicht, emfängt die Pilgerin mit einer Jakobusstatue. Wenigstens das ist keine Täuschung. Jakobus ist immer zugegen und diese Konstante ist es vielleicht, die mir auf den Wegen immer wieder Mut zum Weitergehen macht. Jakobusstatuen, gelber Pfeil, Muschel. Sie vermitteln mir ein Lebensgefühl, das von Beständigkeit, Vertrauen und Freude geprägt ist. Und wer kennt nicht das plötzliche Glücksgefühl, das einen ereilt, wenn man zu Hause in Deutschland auf ein Muschelzeichen stößt. Plötzlich ist man dann auch in Deutschland wieder mitten auf dem Camino.

Aber ich bin heute hier, in Spanien, genauer: in der Extremadura, dort wo die mit Kork- und Steineichen bewachsene endlose Ebene an afrikanische Savanne erinnert, nur dass hier keine Antilopen grasen, sondern Kühe und Schafe weiden und sich agile drahtige Schweine von den Eicheln ernähren. Direkt hinter Aljucén betrete ich den Naturpark Cornalvo mit seinen Eichen und großen Felsbrocken, die dann und wann zum Sitzen einladen. Es ist ein sehr stiller Morgen, die Sonne steht noch tief. Niemand begegnet mir, aber ich folge den Fußspuren der wenigen Pilger, die auf der Vía de la Plata unterwegs sind. Die Spuren der Pilgergefährten, mit denen man häufig unterwegs ist, prägt man sich schnell ein.

Die Fußabdrücke sind nämlich auch ein verlässlicher Hinweis darauf, dass man noch auf dem richtigen Weg ist. Das jedenfalls glaube ich zu diesem Zeitpunkt noch. Und werde gegen Ende dieser Etappe eines besseren belehrt. Und das kommt so:

Mit meinem Pilgerfreunden Gorazd aus Slowenien und Gabor aus Ungarn hatte ich mich für den heutigen Abend in Alcuéscar verabredet. Dort gibt es ein Kloster der „Sklaven Mariae und der Armen“. Wir fanden, das wäre genau die richtige Absteige für uns. Ohnehin gibt es nicht viel Alternativen.

Ungefähr zu der Zeit, als ich glaube, das Ende der vergleichsweise kurzen Etappe von zweiundzwanzig Kilometern müsste allmählich nahen, werfe ich einen Blick auf meine Komoot-App und traue meinen Augen kaum. Nach der App befinde ich mich etwa drei Kilometer westlich von Alcuéscar, sollte den Ort aber eigentlich von Süden her bereits erreicht haben. Das bedeutet: Ich bin ganz offensichtlich großräumig um mein Tagesziel herumgelaufen. Augenblicklich bin ich völlig verwirrt und desorientiert. Denn den ganzen Tag schon folge ich den markanten Footprints von Gorazd, die auch hier deutlich im Sand erkennbar sind. Und bis vor wenigen Metern hat mich auch der Granit-Kubus begleitet, das Wanderzeichen, das die römische Straße in Richtung Arco de Cáparra markiert und bislang immer auch entlang des Camino verlaufen ist.

Ich versuche, meine Verwirrung einzufangen und klar zu denken. Geradeaus würde ich acht Kilometer weiter wieder auf den Camino treffen und weitere etwa vier Kilometer später in Aldea del Cano auch eine Unterkunft finden. Aber dort gibt es keinen Supermarkt, und ich bin ja eigentlich in Alcuéscar mit meiner kleinen Camino-Familie verabredet. Also werde ich mich querfeldein durchschlagen bis Alcuéscar, auch wenn ich immer noch an einen technischen Fehler glaube und nicht so recht glauben mag, was mir mein Smartphone sagt.

Gut eine Dreiviertelstunde später stehe ich vor dem Kloster der „Sklaven Mariae und der Armen“. Die Herberge ist noch geschlossen, gegenüber in der Bar sitzen schon ein paar vereinzelte Pilger und warten. Es scheint hier ein bisschen mehr los zu sein als bisher auf der Vía. Gorazd ist nicht zu sehen. Ich kann also nur vermuten, dass er sich, anders als ich, fürs Weitergehen entschieden hat. Ich bin ein bisschen traurig, dass es heute keine Familienzusammenführung gab.

Als die Pforte geöffnet wird, stelle ich mich in die Reihe aus einem italienischen Ehepaar, einer Französin, einer Australierin. Später kommen noch weitere Pilger an, die ich bisher überhaupt noch nie gesehen habe. Es ist immer wieder ein Phänomen, wo auch auf diesem Weg, wo es doch so wenige Einkehralternativen gibt, plötzlich Pilger wie aus dem Nichts auftauchen.

Hospitalero Emilio Iglesias hat offensichtlich Gefallen an seiner Rolle. Er zelebriert den Check-in völlig unbeeindruckt von den müde in der Reihe stehenden Anwärtern, schaut sich die Papiere jedes Pilgers und jeden Stempel im Pilgerausweis ganz genau an, dazu stellt er jede Menge Fragen, die – auch mangels geeigneter Sprachkenntnisse – nicht immer zu seiner vollen Zufriedenheit beantwortet werden.

Außerdem erklärt er uns, dass wir vor sechs Uhr morgens das Haus nicht verlassen können. Ich leiere ihm eine halbe Stunde früher heraus, weil ich am nächsten Tag eine Etappe von sechsunddreißig Kilometern bis Cáceres vor mir habe. Er möchte, dass ich ihn bei der später stattfindenden Hausführung nochmal dran erinnere und nötigt mir damit meine teilweise Teilnahme an dem nicht gerade kurzweiligen Gang durchs Haus ab.

Nach einer gefühlten Ewigkeit entlässt uns Emilio Iglesias uns endlich auf unsere Zellen. Für mich gibt es eine kleine Einheit mit einem Stockbett; der Matratzenbezug und auch das Kissen sind sichtbar länger nicht mehr gewaschen worden. Die Matratze ist völlig durchgelegen und dünn wie Papier. Ich finde in der Nacht erst einmal kaum Schlaf, weil ich quasi direkt auf dem Lattenrost liege und es mich überall juckt. Jetzt bloß keine Bettwanzen! Erst als ich mir die zweite Matratze vom oberen Bett hole und auch das Kissen austausche, weil das obere weniger benutzt scheint, finde ich etwas Ruhe.

Ich hätte es wissen müssen: So gut wie noch nie habe ich mit kirchlichen Einrichtungen auf dem Camino Glück gehabt. Und beschließe zum xten Mal, das war jetzt endgültig der letzte Versuch. Der Tag der Täuschungen und Enttäuschungen, denke ich noch, bevor ich in einen leichten und wenig erholsamen Schlaf falle.

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