Tag 9: Villafranca de los Barros – Torremejía (30.05.2022)

Es ist noch stockfinster an diesem Morgen, an dem ich auf leisen Sohlen aus der im Dachgeschloss liegenden Herbergsküche der Albergue Extrenatura die Treppe nach unten zur Straße schleiche. Unten ein erster Fühltest für meine Füße: Die neuen Einlegesohlen fühlen sich erst einmal bequem an.

Beim Weg aus dem Ort hinaus bedauere ich, dass ich gestern zu müde und zu sehr mit dem Kauf der neuen Sohlen beschäftigt war und wegen der Hitze auch nicht mehr auf die Straße raus wollte. Einen Großteil, vor allem die vielen Bars und Restaurants und die San Isidoro-Kirche habe ich gestern gar nicht gesehen. Aber so ist das manchmal auf dem Camino. Du willst Dir einen Haufen Dinge anschauen. Aber als Pilger bist Du eben kein Tourist und kannst Dich nirgends lange aufhalten. Pilgern und Reisen sind einfach zwei Paar Schuhe.

Hinter der Kirche geht es geradeaus auf eine breite staubige Kiesstraße, die sich die Pilger mit den Autos teilen. Freilich sieht man von letzteren so gut wie nichts. Pilger allerdings auch nicht.

Die Vía führt heute siebenundzwanzig Kilometer bis Torremejía durch fruchtbares Land mit roter Erde. Vor einigen Jahren hat man hier von Getreideanbau auf Wein und Oliven umgestellt, und das hat den Menschen hier einen relativen Wohlstand gebracht. Das Farbspiel aus Rot und Grün erinnert mich sehr an die autonome Provinz Rioja und die Landschaft kurz vor deren Hauptstadt Logroño.

Die flache Piste der heutigen Etappe erstreckt sich entlang der alten Römerstraße, die auf vierzehn Kilometern schnurgeradeaus das Weinbaugebiet durchschneidet. Es gibt ja den Spruch, in Ostfriesland sehe man morgens schon, wer einen am Abend besuchen käme. Hier auf der Strecke siehst du, mit wem du am Abend den Schlafsaal teilen wirst. Viele Pilger sind es nicht. Aber genügend, um sich nicht völlig verloren zu fühlen. Heute sehe ich den ganzen Tag über einen einzigen. Aber das reicht ja schon.

Wie üblich holt mich Gorazd nach einigen Kilometern ein. Und hier zeigt sich mal wieder, wie wertvoll gute Gesellschaft ist. Wir witzeln herum, drehen Fun-Videos und machen uns die Strecke damit zu einer kurzweiligen Etappe. Trotz der Sonne und trotz fehlendem schattigen Picknickplatz. Ich vergesse darüber sogar völlig, über meine Füße und die neuen Einlegesohlen nachzudenken.

Der Rother Guide hat vorgewarnt, dass diese Etappe ausgesprochen öde sein soll und sagt, dass einen später nichts mehr erschüttern kann, wenn man die Strecke hinter sich gebracht hat. Ich kann das so nicht bestätigen. Die Strecke ist etwas eintönig, aber längst nicht so öde wie viele andere Etappen, die sehr viel später kommen. Und nach nur neun Tagen und bisher wenigen langen Geraden kann ich der wie am Lineal gezogenen Linie noch etwas abgewinnen. Mal abgesehen davon, dass der feine Kies auch freundlich zu den Füßen ist. Auch das soll sich später deutlich ändern.

In Torremejía kommen wir bereits am frühen Nachmittag an. Es gibt hier keine öffentliche Herberge. Wir haben uns für die Übernachtung in der privat geführten Albergue Rojo entschieden. Der Hospitalero ist einer von der Sorte, die wenig mit Pilgern am Hut haben und bei denen man sich des Gefühls nicht erwehren kann, dass man nur Teil der Masse ist, deren Geld man nimmt und sich ansonsten nicht weiter um sie schert. Hin und wieder, wenn auch sehr selten, begegnet man auf dem Camino Herbergswirten, die so ticken. Es hinterlässt bei mir jedesmal einen schalen Geschmack, den ich aber schnell wieder loswerde, sobald ich die nächste nette Begegnung auf dem Weg habe.

Wir erwerben einen handgeschriebenen Voucher für das Mittagessen, das, wie sich später herausstellt, nicht gerade üppig ist. Dass wir aber den Frühstücksvoucher ablehnen, weil es erst um sieben Uhr morgens Frühstück gibt, gibt unserem Hospitalero Anlass zu immer wiederkehrenden Sticheleien uns und auch unserem Pilgerfreund Gabor gegenüber, der etwas später eintrifft.

Man mag daran erkennen, dass wir hier kurz vor der ersten größeren Stadt angekommen sind. Von hier aus sind es nur noch fünfzehn Kilometer bis Mérida. Das Leben wird immer ein bisschen schal und unpersönlich in den Outskirts von größeren Agglomerationen. Ich für meinen Teil bin noch nicht vorbereitet auf eine größere Stadt und habe beschlossen, morgen weiter zu gehen und Mérida hinter mir zu lassen. Amphitheater hin oder her.

Gorazd wird es sich noch überlegen. Aber jeder geht hier sein eigenes Tempo und auch ein Abschied unterwegs ist immer möglich. Menschen kommen und gehen. Das ist der Lauf des Lebens. Und nirgends wird einem das so deutlich – weil miniaturhaft – vor Augen geführt wie auf einem Pilgerweg.

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