Tag 13: Burgos – Castrojeriz (04.06.2017)

Castrojeriz

Um 6 Uhr verlasse ich heute, am Sonntagmorgen, übernächtigt das Hotel. Die Stadt ist bis jetzt nicht zur Ruhe kommen, und ich habe mich wegen des Lärms von einer Seite zur anderen gewälzt. Das Feiern scheint Spanien am Wochenende Standard zu sein.

Es ist kalt und regnerisch. Auf den Straßen unglaublich viele junge Menschen, die nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stehen. Von vorne kommt mir eine Gruppe Halbstarker entgegen. Sie haben ordentlich getankt, einer von ihnen scheint auf Krawall aus zu sein. In mir erstarrt etwas, ich richte meinen Blick geradeaus, durch die Gruppe hindurch, die direkt auf mich zusteuert. Jetzt bloß keinen Blickkontakt aufnehmen! Einer der Jugendlichen boxt mit der Faust gegen meinen Rucksack. „Ey, Peregrina!“. Ich habe wirklich Angst, hier nicht heil durchzukommen. Erst als ich oberhalb der Kathedrale auf einer Anhöhe ein Polizeiauto stehen sehe, fühle ich mich etwas sicherer.

Die Bar gegenüber der Pilgerherberge ist bereits geöffnet. Ein schnelles Croissant, eine Banane, ein Café con Leche. Ich fühle mich einsam, unsicher, unwohl. Der erste Tag ganz allein. Was hab ich mir bloß dabei gedacht?! Die Camino-Familie fehlt mir schon jetzt. Ich möchte los. Vielleicht kann ich Roger einholen, der gestern von Burgos aus weitergezogen ist. Gerade als ich mir den Rucksack auf den Rücken lade, kommt Francesco aus der Herberge heraus. Wenigstens ein bekanntes Gesicht. Er hat seine Camino-Familie gerade gefunden. Eine Gruppe von Italienern, in der er sich sichtlich wohl fühlt. Das freut mich für ihn.

Entschlossen gehe ich los. Als ich die Stadtgrenze erreiche, wird der Regen stärker, es blitzt und donnert. Ein paar Pilger haben sich an einem Gebäude untergestellt. Ich erinnere mich an das Gewitter, das wir kurz hinter Los Arcos hatten. Doch Gefühle der Einsamkeit und des Verlusts toben in mir, ich kann nicht ruhig stehen. Die Unruhe treibt mich trotz des Gewitters hinaus aufs Feld. Immerhin: Das Gewitter scheint nicht direkt über mir zu sein. Ich gehe stur immer weiter. Der Wind bläst meine Kleidung im Nu trocken.

Heimweh legt sich um mich wie ein dunkler, nasser Mantel. Am liebsten würde ich heute auch nach Hause fahren, genau wie Ricky und Beat. Doch mein Weg ist noch lange nicht zu Ende. Und ich gehe heute ins Ungewisse. Am Abend wird wohl niemand aus meiner Camino-Familie da sein. Gut, es besteht eine klitzekleine Chance, dass ich Roger einhole. Doch ich wollte ja allein sein. Trotzdem ist mir der Gedanke ein kleiner Trost. Ich bin verwirrt, versuche bei aller Unsicherheit schnell wieder Stabilität zu gewinnen. Ohne Erfolg. Ich bin traurig, wütend und verzweifelt.

Einzig das Weitergehen hält mich aufrecht. Ich lasse die Eisenbahntrasse und die Autobahn hinter mir. In Tardajos gönne ich mir einen Kaffee. Ein paar Bier trinkende Männer versperren den Ausgang. Ach ja: Es ist das Pfingstwochenende. Die Feierei wird also weiter andauern. Ich zwänge mich irgendwie durch und sehe zu, dass ich Land gewinne. In Rabé de las Calzadas treibt mich der Hunger nochmal in die Bar.

Meinen ersten Tag in der Meseta hatte ich mir nicht so kalt vorgestellt. Das Wetter ist wirklich unangenehm. Immer wieder ziehen weitere Unwetter heran. Sorgenvoll schaue ich in den Himmel. Ein paar Pilger sind auch auf der Strecke. Mit einem Spanier liefere ich mir ein ständiges Überholspiel. Er scheint auch nicht besonders gut drauf zu sein. Und ich möchte am liebsten jeden hinter mir lassen, der mir begegnet. Habe keine Lust zum Reden, will einfach nur weg von hier.

Hornillos del Camino hat sich seit 2003 und 2006 sehr verändert. In beiden Jahren habe ich dort in der verwesten alten Herberge übernachtet, in Betten, deren Sprungrahmen sich gefährlich durchbogen und mit deren Matratzen man nicht direkt in Berührung kommen wollte. Als ich zum ersten Mal dort ankam, fand ich am Nachmittag noch ein leeres Bett im dunklen Untergeschoss. Irgendwann am Abend kam jemand, um ein paar Euro zu kassieren. Und es gab damals nur eine Bar. Heutzutage gibt es in Hornillos mehrere Herbergen und sogar ein Hostal. Der Ort ist einladender geworden. Aber mich hält heute nichts hier. Auch in Hontanas mag ich nicht bleiben. Ich bin immer noch innerlich in Aufruhr. Also gehe ich weiter. Auf dem Weg von Hontanas nach Castrojeriz beruhigt sich mein Gemüt ein wenig. Da habe ich schon 30 Kilometer in den Beinen. Mein Schritt wird langsamer. Bald schon taucht vor mir das Kloster San Antón auf, in dem einst Lepra-kranke Pilger Essen gereicht bekamen. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis Castrojeriz.

Dort entscheide ich mich heute für die koreanisch geführte Herberge Orion. Das 8-Bett-Zimmer teile ich mir heute mit einem freundlichen Spanier und lerne aufgrund der Kälte ein neues spanisches Wort: „la manta“ – die Decke. Es ist erst 16 Uhr, als ich fertig bin mit dem Wenigen, was man als Pilger zu tun hat: Duschen, Wäsche waschen und zum Trocknen aufhängen, Fußpflege. Ich unterhalte mich mit der koreanischen Hospitalera, trinke den köstlichsten grünen Tee meines Lebens, wie mir scheint, und bin wieder ein wenig sanfter zu mir selber.

Abendessen gibt es erst um 19 Uhr. Ich mache mich auf den Weg durch den langgezogenen Ort. Meine Füße schmerzen, ich hoffe, dass der 40-Kilometer-Marsch sich morgen nicht rächt. Unterwegs treffe ich einen Pilger, der erkennt, dass ich nicht mehr gut gehen kann. Wir kommen ins Gespräch. Er ist nicht zum ersten Mal auf dem Camino Francés unterwegs. „Bist Du schon im L’Hospital del Alma gewesen? Dem Hospital of the Soul?“ fragt er mich und zeigt mir ein kleines Ölfläschchen. „Das hab ich von dort. Es könnte Dir helfen. Das L’Hospital del Alma ist ein magischer Ort. Jedes Mal, wenn ich durch den Ort komme, gehe ich dort hinein. Du wirst es leicht finden. Es steht ein altes Fahrrad vor dem Haus. Es wird Dir gefallen.“

Ich kann nur jedem empfehlen, diesen Ort aufzusuchen. Es ist ein Ort der Stille, mit Bildern und Sprüchen an den Wänden, die zum Nachdenken anregen. Es ist niemand dort außer mir. Nur Musik, schöne Gegenstände, Plätze zum Sitzen und Meditieren. Ich tauche ein und finde inneren Frieden für heute. Endlich!

L'Hospital del Alma

Auf dem Rückweg zu den Koreanern komme ich an einer Herberge vorbei. Mir ist, als würde ich Deutsch hören. Vielleicht ist Roger dort. Ich schaue hinein, aber drinnen sitzen ein paar Holländer. Roger sehe ich nicht. Auch in Ordnung. Ich kann wieder gut für mich sein.

Das koreanische Pilgermenü ist eine meiner besten Mahlzeiten auf dem Jakobsweg. Eine willkommene Abwechslung zu den ewig gleichen Pilgermenüs. Ich genieße das Essen gemeinsam mit einer Pilgerin aus München. Ich bin so dankbar für diese gute Gesellschaft und dafür wieder einen Menschen gefunden zu haben, mit dem ich so viele Erlebnisse und Erfahrungen teilen kann. Der Tag endet so viel besser als er begonnen hat. Dankbar falle ich in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

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