Tag 17: Berciano del Real Camino – Mansilla de las Mulas (08.06.2017)

„Die höchste Kunst ist die Liebe zu den Göttern / von den Göttern.“ (Guillermo de St. Thierry)

„Die SCHÖNHEIT ist der Glanz der WAHRHEIT;
ohne WAHRHEIT gibt es keine KUNST,
um die WAHRHEIT zu finden, muss man die SCHÖPFUNG kennen.“ (Antoni Gaudi)

Diese Botschaft finde ich heute unvermittelt am Wegesrand. Der Weg führt mich wieder einmal an der Straße entlang, immer geradeaus, immer noch durch die Meseta, durch Nester hindurch, an denen ich nicht freiwillig aussteigen würde, wenn ich im Auto säße. Ein Glück, dass ich zu Fuß unterwegs bin. Ein Glück überhaupt, dass ich unterwegs bin! Ich bin tatsächlich glücklich, Und ich tue den ganzen Tag genau das, was ich immer wollte: Gehen, Bewegung, Wahrnehmen, Fühlen. Nichts anderes zählt hier.

Ich denke darüber nach, was Gott für mich bedeutet. Genau wie viele andere, die hier unterwegs sind, bin ich nicht besonders religiös. Ja, ich bin noch nicht einmal Bibel-fest. Und doch nehme ich das Wort ‚Gott‘ hin und und wieder in den Mund. Es beschreibt für mich ein Gefühl des Friedens, der stillen Freude, der inneren Heimat. Ich nenne es ‚Gott‘, weil es für mich die einfachste Umschreibung für dieses große Gefühl ist.

Meine Gedanken wandern zum gestrigen Abend, zur Unterhaltung mit Tanja aus der Ukraine. Ich wusste bis gestern nichts über diese hübsche junge Frau, die mir, wie so viele Pilgerfreunde in den vergangenen Tagen mein Glück spiegelt. Nun hab ich das Gefühl, dass mich das Glück über das einfache Leben mit ihr verbindet. Als ich heute früh aufgestanden bin, war sie schon auf und davon.

Siebenundzwanzig Kilometer gehe ich heute, ich habe einen Blick für die kleinen Schönheiten am Wegesrand. Und auch wenn ich mir manchmal meine erste Camino-Familie herbeisehne oder die Begegnung mit Freunden zu Hause: Ich bin glücklich. Und ich vermisse nichts. Das Wenige ist mir genug.

Unverhofft bekomme ich heute eine Mail von Ricky. Er ist gut nach New Orleans zurückgekehrt, konnte seine Dinge regeln und plant die nächste Wandertour. Ein bisschen bin ich noch traurig, dass wir uns wohl nicht mehr begegnen werden. Aber ich möchte gegen nichts in der Welt mit ihm tauschen.

Mein Weg führt mich heute über El Burgo Ranero und Reliegos nach Mansilla de las Mulas. Siebenundzwanzig Kilometer sind mittlerweile keine wirklich lange Strecke mehr. Ich bin schon gegen Mittag am Ziel angelangt. Natürlich hätte ich noch weitergehen können. Aber ich habe mir für morgen Abend ein Zimmer in León reserviert und will dort einen Besichtigungstag einlegen. Bis León sind es von hier aus nur noch etwa achtzehn Kilometer.

Die Herberge Jardín del Camino besticht mit ihrem Garten. Es gibt alles, was ich als Pilgerin brauche. Doch ich fühle mich nicht besonders freundlich empfangen, alles wirkt ein wenig abgeschmackt, die Pilgeratmosphäre fehlt, dafür fühle ich mich ein bisschen abgezockt. Ich bleibe trotzdem. Während ich im Garten ein einfaches Mittagessen genieße und mein Tagebuch auspacke, kommt ein Deutscher, den ich mittlerweile auch schon häufig getroffen habe, und setzt sich an den Nachbartisch. Ich weiß aus der Erfahrung der vergangenen Tage, dass seine zwei Groupies, wie ich sie heimlich nenne, nicht mehr weit sein können. Und tatsächlich: Es dauert nicht lang, da biegen die beiden Frauen in meinem Alter schon um die Ecke. Großes Hallo, hoher Geräuschpegel, langweilige Gespräche über Finanzämter, Eigenheim, Geldsparen und wie man sich am besten im deutschen Steuerdschungel zurecht findet. Alles Dinge, die hier auf dem Camino überhaupt nicht wichtig sind. Ich nehme Reißaus und erkunde den Ort.

Auf dem Weg durch die kleineren Gassen finde ich ein Café. Dort treffe ich den Australier aus Sahagún wieder, der gerade mit einem anderen Pilger ein Bierchen trinkt. – „Hey, Du bist doch die ‚Guapa‘ aus Sahagún, die immer so strahlt!“, begrüßt er mich. – Schon wieder einer, der mich auf mein offensichtliches Dauerlachen anspricht.

Am Nebentisch sitzt Tanja. Ich frage sie, ob ich ihr Gesellschaft leisten darf, und sie nimmt dankend an. Heute hat sie keinen guten Tag gehabt. Ihre Schienbeine tun weh. Sie hat ein wenig auf Youtube recherchiert und sich getaped. Ihre Beine sehen aus wie die von Zebras. Außerdem ist sie sauer, weil sich ein paar Pilger anscheinend über sie lustig gemacht haben. Das Gehen bereitet ihr Schmerzen, aber ans Aufhören denkt sie noch lange nicht.

Ich freue mich auf die Großstadt morgen. Ganz dringend benötige ich auch ein neues Paar Laufsocken. Meine zwei Paar Falke haben Löcher. Natürlich hoffe ich, dass ich in León meine Lieblingsmarke finde. Tanja möchte in eine Parfümerie und sich einen schöne Duft auftragen. Ja, das könnte mir auch gefallen. Mal wieder gut duften. Welch ein Genuss!

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