Von Porto nach Angeiras

Verstecktes Yoga im Park, ein Café con Leitte mit einer Art Schoko-Croissant und gefühlten 500 Gramm reinem Zucker. Porto verlassen wir im Nieselregen, der nach und nach beißender und nasser wird. Immer entlang der alten Straßenbahn in Richtung Jardim do Passeio Alegre, auf der gleichnamigen Straße: Weg der Freude. Trotz der dunklen Wolken zaubert mir das Ziel des Bähnleins ein Lächeln ins Gesicht. Optimistisch gehe ich davon aus, dass der Regen aufhören wird, wenn wir erstmal draußen am Meeresufer sind. Zu der Überzeugung komme ich aus einer Mischung aus alter Erfahrung schneller Wetterwechsel am Atlantik und der bislang nicht nachhaltig widerlegten Annahme, dass meine Wetter-App mich auch diesmal nicht im Stich lassen wird.

So ganz richtig liege ich nicht. Die Feuchtigkeit von oben lässt zwar allmählich nach, aber erst zwei Stunden später in Matosinhos reißt der Himmel endgültig auf. Da haben wir etwa die Hälfte der heutigen Strecke, also rund 11 Kilometer hinter uns.

Auf der Strandpromenade in Matosinhos begegnet uns zum ersten Mal für heute die Muschel als Zeichen, dass wir auf dem Caminho sind. Das Terminal der Kreuzfahrtschiffe wirkt aus unserer Perspektive wie eine Mischung aus Elbphilharmonie und das Innere eines Schneckenhauses. Die Skulptur „Tragödie auf See“ von José João Brito muss man nicht erklären. Ich geselle mich gleich zu den verzweifelten Frauen, die bangend auf die Heimkehr der Seefahrer warten (s. Foto) und kann allein durch die Einreihung in die Figuren schon deren Beklemmung nachempfinden. Das Informationszentrum hinter der Skulptur ist zum Heiligen Jahr in Stoff gehüllt, der mit allen Wahrzeichen des Jakobsweges bedruckt ist: Muschel, Jakobskreuz, gelber Pfeil, Stempel. – Alles da. Leider gibt es hier für uns heute keinen Stempel, denn es ist Montag, und an diesem Wochentag ist hier zu.

Wir ziehen vorbei am Fisch-Großmarkt, wo die Möwen schon in freudiger Erwartung auf ihr tägliches Festessen aufgeregt ihre Kreise durch die Luft ziehen. Hier finden sich eine Vielzahl kleiner Fischrestaurants. Es ist Mittagszeit, eigentlich genau richtig für eine Pause. Bloß: Ich bin Fischallergikerin, und hier bereue ich das wirklich, denn es riecht sogar für mich verführerisch.

In den Stadtteil Leça de Palmeiras gelangt man über eine hochklappbare Brücke, damit praktischerweise die Schiffe drunter durchpassen. Das kann bis zu einer Viertelstunde dauern. Wir haben aber Glück und gelangen ohne Zwangspause hinüber. Hier gibt es eine Touristeninfo. Wir erkundigen uns, ob der Weg nach wie vor noch Corona-sicher ist, weil sich die Lage, insbesondere in Lissabon, übers Wochenende zugespitzt hatte. Man beobachte das genau, sagt der Mitarbeiter dort, meint aber, dass es keine Probleme geben sollte. Wir bekommen einen Stempel und auch ein Übernachtungsverzeichnis für den weiteren Wegverlauf an der Küste entlang.

Wir haben uns jedoch bereits für die Variante im Landesinneren entschieden. Lediglich das erste Stück bis Rates gönnen wir uns am Meer entlang. Der direkte Weg nach Rates soll aufgrund von Industrieanlagen nicht so schön und vor allem auch gefährlich sein. Im Outdoor Guide von Raimund Joos ist die Rede von „Umleitungen“, die die Verkehrssituation etwas entschärfen sollen. Weil ich den hiesigen Fahrstil noch nicht kenne, mache ich mir darüber erstmal keine Gedanken. Heute weiß ich indessen ganz genau, worauf der Autor hinaus will. Die Portguiesen „heizen“ in einem Affentempo über die zahlreichen Kopfsteinpflasterstraßen, und man gewinnt recht schnell den Eindruck, dass man als Fußgänger gelinde gesagt nicht wirklich ernstgenommen wird.

Mittlerweile ist es ein Uhr mittags. Wir gönnen uns eine Pause am Felsenbad. Ich muss Schuhe, Einlagen und Socken trocknen, und meine Füße brauchen eine Pause.

Der Weg zum Leuchtturm La Boa Nova ist wunderschön mit freier Sicht und mittlerweile blauem Himmel, an dem Schäfchenwolken vorüberziehen. Hinter dem Leuchtturm erheben sich die Schornsteine einer Raffinerie und fügen sich mit ihrem rot-weißen Anstrich nahezu harmonisch ins Gesamtbild ein. Die Ermita de la Boa Nova, errichtet von Franziskaner-Mönchen, trotzt seit vier Jahrhunderten der beißenden Gischt des Atlantik.

Die berühmten Holzbohlen-Wege am Ufer entlang sind recht angenehm zu gehen, allerdings lohnt es nicht, hier die Stöcke auszupacken, weil man andauernd mit den Spitzen zwischen den einzelnen Bohlen hängen bleibt. Und hinter der Ermita ist auch Schluss mit den Holzbohlen. Die Wege werden aktuell (im Sommer 2021) erneuert. Wir gehen also eine gefühlte Ewigkeit auf der Straße. Perafita, Agudela und Lavra sind mit ihren Betonklötzen aus dem Boden gestampfte Kunstorte. Nichts wirkt hier belebt, und ich bin froh, als sich dann hinter Lavra endlich der ersehnte Hinweis auf den Campingplatz im Ortsteil Angueiras zeigt, wo wir für heute unterkommen. Wir mieten uns eine Containerhütte mit – immerhin – Kühlschrank, zwei Betten, zwei Stühlen und einer Veranda. Auf dem Platz gibt es einen Supermarkt und ein Restaurant, wo wir heute auch noch ein günstiges und faires Pilgermenü bekommen. Pilgernachbarn gibt es auch. Der Campingplatz wird von vielen Rucksackträgern gerne angesteuert.

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