Ein Stück Jakobsweg in Südtirol

Zu dieser Jahreszeit habe ich selten noch Urlaub übrig. Wegen der Unvorhersehbarkeit der Corona-Lage habe ich in diesem Jahr ganzjährig einzelne Urlaubswochen verteilt, so dass ich auf jeden Fall die Chance habe, mal wegzukommen. Die Rechnung ist mehr als aufgegangen. Und so konnte ich vergangene Woche mit Bernd gemeinsam Urlaub in Südtirol machen. Bei sonnigem Wanderwetter, milden Temperaturen und ganz und gar bezaubernden Herbstfarben.

Bei unserer Wandertourenplanung stießen wir einmal mehr auf den Muschelweg. Zugegeben: Über den Südtiroler Jakobsweg hatte ich mir bislang noch nie Gedanken gemacht. Ja, ich wusste noch nicht einmal, dass der Jakobsweg hier überhaupt ein Thema ist. Von Südtirol aus hätte ich Pilgerwege nach Assisi und Rom verortet. Aber natürlich sind die Italiener auch immer nach Santiago gegangen, und so ist es nicht mehr als logisch, dass man hierzulande auch auf Jakobswege trifft. Wer Interesse hat, findet unter diesem Link entsprechende Informationen.

Der Einfachheit halber entschieden wir uns für die zehnte Etappe von Andrian nach Lana. Andrian liegt im Etschtal genau gegenüber von Terlan, wo wir unser Quartier in einer zwischen Weinreben und Obstplantagen gelegenen Ferienwohnung mit Blick aufs Tal hatten. Ob wir bei den hiesigen Steigungen die einundzwanzig Kilometer schafen würden, überließen wir erst einmal der Vorsehung. Soll heißen: Wir haben es nicht drauf angelegt, zumal um diese Jahreszeit, im November, die Tage äußerst kurz sind. Um fünf Uhr Nachmittag wird es dunkel, und wir sind erst um zehn Uhr los.

Auf dem Markt noch schnell ein paar Kirchtagskrapfen als Wegzehrung gekauft, dann stiegen wir in den Bus für eine drei Kilometer kurze Fahrt nach Andrian. Dort verließen wir den Bus an der Kirche aus und fanden auch gleich das Muschelzeichen. Die erste Steigung war noch relativ kurz. Am Ortsende bogen wir in einen Kastanienhain-Weg ein, der relativ eben oberhalb des Tals nach Sirmian hinüber führte. Danach ging es eigentlich immer entweder bergauf, vorbei an einigen hoch gelegenen Wein- und Obsthöfen. Die auf halber Höhe zur St. Apollonia-Kirche gelegene Bittner Hofschenke hat leider um diese Jahreszeit geschlossen. Aber immerhin konnten wir uns auf die warmen Holzbänke setzen und uns die Kirchtagskrapfen schmecken lassen, mit Maronen, Mohn oder Aprikosenmarmelade gefüllte Teigtaschen.

Weiter ging es bergauf durch den Flecken Sirmian, von dem wir nur ein paar Häuser und einen Kirchturm sahen, bis zum St. Apollonia-Restaurant, das aber ebenfalls Ruhetag hatte. Die letzten hundert Meter hinauf auf den Hügel, auf dem das Kirchlein thront, schenkten wir uns; der Aufstieg war einfach extrem beschwerlich, der Nachmittag war schon fortgeschritten und wir waren hungrig. Zum Glück schaut man von der St. Apollonia direkt hinüber zum Gasthof Jäger. Eine einfache Pilgermahlzeit findet man dort nicht und auch nicht gerade etwas für den ganz großen Hunger. Für die Pilgerbörse und auch den Pilgerhunger wäre die Apollonia sicher die bessere Wahl gewesen, aber man kann beim Jäger außerordentlich gut speisen. Dennoch: In Wanderklamotten fühlt man sich etwas underdressed.

Mittlerweile war es vierzehn Uhr und wir hatten noch ein ordentliches Stück Weg vor uns. Um genau zu sein: Wir hatten gerade erst zehn Kilometer auf der Uhr und beschlossen deshalb, nur noch bis Prissian zu gehen. Das war der nächste Ort, in dem wir eine öffentliche Verkehrsverbindung erreichen konnten.

Zuvor mussten wir jedoch noch einmal steil den Berg hinauf mit atemberaubendem Blick auf die Sarntaler Alpen. Die Freude übers Obensein wurde schon recht schnell durch einen weiteren langsamen, aber stetigen Abstieg in den kalten und feuchten Wald hinunter getrübt. Nun ja, so ist es eben in den Bergen. Wenn Du denkst, Du bist oben und es kann jetzt eigentlich nicht mehr viel Steigung kommen, sorgt der Weg schon dafür, dass Du erst ab- und dann wieder aufsteigen musst. So ging es uns auch. Doch unsere Mühe wurde belohnt durch das wunderschön auf einem Hügel gelegene Jakobus-Kirchlein von Grissian mit seinen mittelalterlichen Fresken. Einen Stempel und ein Buch mit Bitten an St. Jakob gab es hier auch. Wir hielten uns eine ganze Zeitlang an diesem wirklich besonderen Ort auf, bevor wir über den Besinungsweg zum Ort hinunter gingen. Der Besinnungsweg thematisiert die sieben Sakramente und wurde von einem Tersianer Glaskünstler gestaltet. Ich hätte dem Weg sicher mehr Aufmerksamkeit geschenkt, wenn es nicht allmählich Zeit geworden wäre für den Abstieg. Die Dunkelheit drohte uns mal wieder einzuholen.

Den Waldweg von Grissian nach Prissian ließen wir deshalb aus und folgten schnurstracks der Straße. Von oben sah man auch das recht nah gelegene Tisens. Bis dorthin wären wir wohl noch vor Einbruch der Dunkelheit gekommen, doch es ging uns an dem Tag nicht um Vollständigkeit. Wir kehrten lieber ein und wärmten uns am Ofen einer Gaststätte bei einer Tasse Kaffee, bevor der Bus nach Nals mit Anschluss nach Terlan uns in der Dunkelheit aufsammelte.

Insgesamt haben wir auf der Etappe tausend Höhenmeter (nur nach oben) auf etwa fünfzehn bis siebzehn Kilometer Strecke zurückgelegt und sind dafür mit reichlich Ausblicken auf die Berge und nach Meran hinüber belohnt worden. Glücksgefühle pur.

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