Tag 18: Mansilla de las Mulas – León (09.06.2017)

Kathedrale in León

Heute habe ich einen vergleichsweise kurzen Weg vor mir. 18 Kilometer sind es nur bis León. Ich freue mich auf die Stadt. Kaum zu glauben! Nach einer Woche durch die ärmlichen, verlassenen Ortschaften der Meseta, ist mir nach Kultur, nach gutem Essen, nach Seife und Handtüchern auf den Toiletten. Und eine gute Tasse Tee vermisse ich auch. Außerdem brauche ich dringend ein neues Paar Socken und auch eine kurze Hose. Ich habe Kilos auf dem Weg gelassen, meine Shorts werden nur noch mit einem Gürtel auf den Hüften gehalten, obwohl ich pausenlos am Essen bin.

Ich bin nicht die einzige, die ständig Hunger hat. Jeder, mit dem ich hier spreche, kann mir etwas über Hungergefühle und massives Essen erzählen. Ich weiß nicht, wie viele Kalorien ich auf dem Weg verbrauche. Aber offensichtlich wiegt mein Essen nicht den Verbrauch auf. Gemessen an dem dauernden Maßhalten zu Hause habe ich damit wirklich mal ein Luxusproblem.

Ich verlasse Mansilla de las Mulas am frühen Morgen noch in der Dunkelheit. Der Weg führt, wie schon in den vergangenen Tagen, an der Straße entlang. Meine Gedanken wandern zu der friedliche Stille und Lieblichkeit des Camino in den Pyrenäen, in Navarra. Da habe ich mich an der Natur berauscht. Hier, in der Meseta, gibt es keine Ablenkung. Hier bin ich auf mich selbst zurückgeworfen. Und obwohl ich über vieles nachdenke, was mich in meinem Leben bislang eher belastet hat, fühle ich mich im Reinen mit mir. Die Erkenntnis, dass das Empfinden von Glück eben wohl doch ein Geisteszustand ist, scheint sich aus der Tiefe meiner Selbst zu lösen. Es ist eine echte Herzenserfahrung.

Bereits um halb zehn bin ich in León. Am Weg finde ich ein kleines Café mit einer gut sortierten Teeauswahl. Ich bekomme sogar noch eine Leonaiser Süßigkeit dazu. Wie aufmerksam! Ich hab es nicht eilig, kann mich in Ruhe umsehen, denn meine Unterkunft, ein Bett in einem Hostal, habe ich für heute schon reserviert. In der Fußgängerzone finde ich einen Outdoor-Laden. Am Camino hast du wirklich alles, was du brauchst, direkt am Weg.

Falke-Socken, sagt der Verkäufer leicht pikiert, führe er nicht. Sie hätten auch andere gute spanische Marken. Ich frage ihn, was er üblicherweise trägt. Daraufhin zeigt er mir ein paar Socken und hält mir einen Vortrag über das Gesamtkonzept. „Es reicht nicht, dass man R und L auf die Socken schreibt“, meint er. Man muss die Socken auch so aufbauen, dass sie wirklich an einen rechten und einen linken Fuß angepasst sind. Der Mann überzeugt mich. Es bleibt mir ohnehin nichts anderes übrig. Ich brauche dringend ein neues Paar Socken. Ein Rest Furcht vor Blasenbildung bleibt. Bis jetzt hatte ich noch keine einzige. Nicht schlecht für etwa 500 Kilometer, die ich bereits zu Fuß zurückgelegt habe. Einen Wanderrock erstehe ich auch und muss jetzt nicht mehr befürchten, meine Hosen unterwegs zu verlieren.

Oben an der Kathedrale beginne ich ein wenig zu fremdeln. Ich sehe keine bekannten Gesichter, dafür aber viele Pilgergrüppchen, die sich hier nach Tagen wiedersehen. Irgendwie fühle ich mich plötzlich einsam. Aber ich versinke nicht in dem Gefühl, komme ins Gespräch, gehöre irgendwie wieder dazu. Und dann ruft es auf einmal von einer Café-Terrasse: „Hey, ich hab Dich gestern Abend in Mansilla getroffen! Du lächelst die ganze Zeit!“ – Ich muss laut lachen. Scheint doch was dran zu sein!

Im Hostal begegne ich zum ersten Mal Mei Yi aus Taiwan. Sie ist auch in St.-Jean-Pied-de-Port gestartet, muss aber wegen Schmerzen in der Achillessehne immer wieder den Bus nehmen. In León ist sie schon seit zwei Tagen und wird wohl auch morgen nicht weitergehen können. Das macht sie ein traurig. Wir tauschen uns eine Weile über die Lektionen aus, die dir der Weg gibt. Mei Yi hat gehört, dass der Grund, warum du den Weg gehst, sich erst in Santiago offenbart. Das jagt mir einen Schauer über den Rücken. Eigentlich dachte ich, ich wüsste schon alles. Beziehung zu mir selbst und zu anderen, Verbundenheit und Heimat finden. Die Bewegung ‚hin zu‘ anstatt das ‚Weg von‘ zu praktizieren. Das sind die Themen, mit denen ich mich auf dem Weg bisher beschäftigt habe. Und ich habe das Gefühl, dass ich bei mir angelangt bin. Was soll da noch kommen? Die Meseta war ein hartes Stück Arbeit, vor allem in meinem Inneren. Eigentlich, finde ich, müsste es jetzt aufwärts gehen.

Am Nachmittag treffe ich doch noch einen Teil meiner Camino-Familie wieder: Lorena und Flavio sind heute auch angekommen. Roger scheint auch nicht weit zu sein. Lorena und ich setzen uns auf ein Bier zusammen, tauschen uns aus. Das berührt mich sehr. Ich hoffe, dass wir uns weiterhin begegnen, auch wenn wir nicht zusammen weitergehen. Ein baskischer Pilgerfreund ist da und auch das Ehepaar aus Konstanz. Die beiden habe ich zuletzt vor Santo Domingo de la Calzada gesehen. Es ist unglaublich, wie plötzlich wieder Menschen wie aus dem Nichts auftauchen. Du siehst sie zehn Tage lang nicht, und auf einmal stehen sie vor dir, und sie bringen eine ganz eigene Welt an Erinnerungen mit, obwohl wir alle den gleichen Weg gegangen sind.

Die Kathedrale von León wird in meinem Guide als die „vielleicht schönste Kathedrale“ beschrieben. Die Fenster sind wirklich sehenswert. Mehr Stadtbesichtigung reizt mich heute nicht.

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