Das Ende ein Anfang

Welcher Ort ist das Ziel des Pilgers auf dem Jakobsweg? Ist es Santiago oder doch Finisterre – das Ende der Welt? Die Heimat des Herzens?

Bei jeder meiner Ankünfte in Santiago de Compostela bislang fühlte ich mich überwältigt von widerstreitenden Gefühlen von Trauer und Freude, von der Hektik und Betriebsamkeit der letzten einhundert Kilometer und der Stadt, von der Begeisterung über die Erlebnisse und auch über das Vollbrachte, die ich gemeinsam mit anderen Pilgern auf der Praza do Obradoiro vor der Kathedrale bei der Ankunft geteilt habe. Keine Spur von der Stille und Gelassenheit, wie ich sie in den vorhergegangenen Wochen erfahren hatte. Ich war immer sehr aufgewühlt in dieser Stadt, auf die ich über Wochen hinzugegangen war.

Es gibt Zeitgenossen, die sind der Meinung, dass der Weg in Santiago erst beginnt. Und seit ich es mir gegönnt habe, einmal von Santiago bis nach Finisterre zu gehen, bin ich sicher, dass da etwas dran ist.

In dem Moment, in dem du die übervolle Stadt verlässt, um dich wieder der Einsamkeit und Weite des Weges zu überlassen, verändert sich schlagartig dein Blickwinkel. Warst du auf den letzten Etappen nach Santiago in Gedanken mit dem bisher zurückgelegten Weg beschäftigt, so beginnst du hinter Santiago wieder in die Präsenz zurückzukehren. Du überlässt dich wieder ganz deinem Herzschlag und deinem Schritt. Die wunderbaren Wälder, der galizische Nebel und die mystische Atmosphäre, die dieser Landstrich atmet, machen es dir leicht.

Gleichwohl bist du hier kein Anfänger mehr. Du hast deine Erfahrung gemacht. Die Erfahrung, die der Weg nach Santiago für dich bereitgehalten hat.  Und ohne dass du es spürst, beginnst du, hier auf den letzten Kilometern ans Ende der Welt, dich deinem symbolischen Tod zu ergeben. Du gibst den Kampf auf und lässt das Neue einfach in dein Leben treten.

Und wenn du oben am Leuchtturm zuschaust, wie die Sonne vom Meer verschluckt wird und der Tag damit ebenfalls stirbt, dann bist du bereit, dich nach Osten zu wenden, um dem Tag entgegenzugehen, der dort wiedergeboren wird.

Niemand sollte erwarten, dass Tod und Wiedergeburt ganz ohne Kummer, Leid und Reue geschehen. Ende und Wiedergeburt zeigen ihr Gesicht in Form von einer häufig tief empfundenen Trauer über das Ende des Weges, die ebenso zum Leben gehört, wie die Freude. So bleibt oft die Krise nach der Rückkehr vom Camino in den Alltag nicht aus.

Zu anderen Zeiten konnten die Pilger sich in Santiago nicht ins Flugzeug oder den Zug setzen, um nach Hause zu fahren. Sie mussten – oder besser: durften – zu Fuß nach Hause gehen. Den ganzen Weg also nochmal zurück bis zu ihrer Haustür. Das war die Strecke, in der sie vermutlich ihre Trauer über das verlorene Alte zurücklassen und Neues in ihr Leben integrieren konnten.

Heutzutage kehren wir nur allzu häufig viel zu schnell wieder in unseren Alltag zurück. Und doch: Wenn wir uns auch dort die Zeit nehmen, unsere Erfahrungen mit Gleichgesinnten zu teilen und unser Herz zu spüren, dann kann die Wandlung beginnen.

 

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