Von Oberellen nach Vacha

Als ich heute früh die Augen aufschlage, schaue ich auf das liebevoll angebrachte Blütenband, das unser Schlafzimmer einrahmt. Ich freue mich sehr, dass wir hier in Oberellen bei Birgit und Frank Heichel untergekommen sind. Nur schade, dass wir die beiden nicht kennenlernen. Dafür ist ihre Freundin Heike da und wir hatten einen herzlichen Empfang gestern. Wir bekommen ein unglaublich reichhaltiges Frühstück von Heike, genauso liebevoll angerichtet, wie die Unterkunft überhaupt. Hier fühlen wir uns angenommen. Die Ferienwohnung, in der wir heute genächtigt haben, wird sehr gerne Menschen zur Verfügung gestellt, die nicht die Mittel für den regulären Tourismus haben. Gelebte Nächstenliebe eben.

Heute gehen wir gemeinsam mit Markus los und sind den ganzen Tag zu dritt unterwegs. Eine schöne Abwechslung. Der Freiburger will hinter Vacha noch weitergehen in Richtung Fulda. Ein bisschen Sorge macht ihm, dass er für die kalten Spätsommernächte in Sachen Kleidung nicht ausgerüstet ist; als er losgegangen ist, war es eben noch heiß. Und vor drei Wochen hat er sich gesagt, er schaut mal, wie weit er kommt. Jetzt möchte er einfach weiterlaufen, solange das Wetter noch so gut mitspielt.

Das etwa vier Kilometer entfernte Wünschensuhl ist heute die einzige Ortschaft auf dem Weg. Am Ortsausgang bestaunen wir ein Gehege mit zwei Straußen, zwei Pfauen und ein paar Kängurus. Australien in Klein. Irgendwo – ich glaube noch in Oberellen – war auch mal Amerika mit einer irrwitzig kleinen Kilometerzahl ausgeschildert. Offensichtlich gibt es in der Nähe einen Ort mit dem Namen. Google kennt einen Gemeindeteil der Stadt Penig mit diesem Namen. Könnte hinkommen.

Der Weg nach Wünschensuhl und auch danach lässt letzte Aussichten über das weite Thüringer Land offen. Danach gehts in den Wald auf die Hohe Strazza, die alte Handelsstraße der Via Regia. Danach gelangen wir auf den Lulluspfad, immer an der ehemaligen Grenze entlang.

Wenn man es mal mit dem Taunus vergleicht, sind hier die Wälder noch nicht so stark von Dürre und Borkenkäfer betroffen, aber es gibt schon Kahlschläge. Im vorderen Verlauf hatten wir noch recht viele Kiefern gesehen, die die Trockenheit besser wegstecken.

Oberzella erreichen wir gegen Nachmittag. Von dort wummert Musik aus den riesigen Gärten. Man denkt gleich, so eine Art alternatives Dorffest, an dem sich jedes Haus beteiligt. Kein Bierzelt, aber Holzkohlefeuer in der Luft, laute Musik. Im Garten mit der lautesten Musik prankt ein silberner Stierkopf am Pfahl. Schwere Jungs in Lederkluft winken uns zu.

Von Oberzella sind es nur noch anderthalb Kilometer bis zur Brücke, die das ehemals westdeutsche Philippstal mit dem ostdeutschen Vacha verbindet. Die Brücke, die größtenteils über ein ausgetrocknetes Flussbett verläuft, erinnert mich ein bisschen an Hospital del Orbigo. Die steinerne Verbindung zwischen den beiden Ufern steht dort seit 1342.

Vacha selbst wurde zwischen den Staatsmächten hin und hergeworfen. Und nicht zu Unrecht erinnert unser Pilgerführer, den der Ökumenische Pilgerweg e.V. herausgegeben hat, daran, dass Klischees zwischen Ost und West mit der Herstellung der Wirtschafts- und Währungsunion noch lange nicht aufgehoben sind. Wo wäre dies sichtbarer, als gerade im Grenzbereich, in dem die Menschen seit eh und je mit unterschiedlichen Machthabern zu tun hatten. Verständnis wächst mit der Geschichte, die von Menschen hier erzählt wird. Und als Zuhörerin habe ich Lust, noch viele Geschichten zu hören. Seit Jahren steht ein Buch über das „Grüne Band“ in meinem Regal. Ursprünglich gedacht als Wanderung entlang dem grünen Streifen der ehemaligen Zonengrenze kommt jetzt die Neugierde auf die Geschichte der Menschen hier hinzu.

In Vacha begleiten wir Markus in seine Pilgerherberge gegenüber der Kirche. Dort bekommen wir auch unseren Stempel, einen Pin und eine Urkunde. Danach den Cappuccino und das ersehnte Eis, das schon den ganzen Tag über in unseren Hirnen herumspukt. Es geht doch immer nur um wenige Dinge: Gehen – Essen – Schlafen – Weitermachen. Und während ich dies hier zu Hause am heimischen Computer schreibe, tritt Markus wahrscheinlich in Vacha gerade aus der Pilgerherberge heraus, um einen weiteren Tag zu neuen Abenteuern aufzubrechen.

Buen Camino, Markus! Und Gottes Segen.

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