Die Abschlussprüfung

Tag 17: Boente – Santa Irene (25 km)

Noch zwei Tage bis Santiago. Seeda,  Charles und ich haben es gestern mit der Albergue Boente gut getroffen. Wir teilen uns ein Zimmer mit eigenem Bad zu dritt und haben eine ruhige Nacht.

Der erste Teil der Strecke am Morgen ist erstaunlich ruhig. Wir treffen nur wenige Pilger. Die meisten sind schon lang vor uns losgelaufen. Das bedeutet: vor 7:30 Uhr.

In Arzúa stärken wir uns mit Churros con Chocolate. Bis hierhin ist die Welt noch in Ordnung. 

Auf dem Weg hinaus zur Stadt hole ich mir bei einer Nonne einen Stempel ab. Sie ist umringt von einer Gruppe spanischer Schüler, die sich freuen, ihre Deutsch-Kenntnisse auszuprobieren. Ich freue mich, wie aufgeweckt die Kleinen sind . Lächelnd gehe ich weiter.

Und dann holt mich das Schreckgespenst ein, mit dem ich schon gestern ab Melide gerechnet habe: die Menschenmassen, die auf einmal vor und hinter mir unterwegs sind, laut und unaufhaltsam. Der Lärm derjenigen, die mit leichtem Gepäck für ein paar Tage auf dem Weg sind, wird mir nach der Stille und Abgeschiedenheit des Primitivo zuviel. Ich bin entsetzt und genervt, aus der Bahn geworfen. Und ich bin froh, als ich endlich die Albergue Santa Irene erreiche.

Dort habe ich im vergangenen Jahr eine sehr schöne egegnung mit Walter und seinem Hund Flan gehabt. Walter hat über seine Erkenntnisse vom Weg ein Buch geschrieben: La Soledad Compartida – Die geteilte Einsamkeit. Damals hat er mir versprochen, dass es in diesem Jahr eine englische Übersetzung gibt. 

Und er hat Wort gehalten. Jetzt bin ich eine weitere schöne Begegnung reicher. Dafür wird mein Rucksack morgen mit dem 400 Seiten starken Buch spürbar schwerer sein.

Walter steht seit fünf Jahren in Santa Irene. Hinter ihm rasen die Autos vorbei, vor ihm die Pilger. Das ist für ihn eine Übung. Erst wenn er bei dem Lärm ruhig bleiben kann, hat er Meisterschaft erreicht und kann sich einen neuen Ort suchen. „Das Wegstück zwischen Arzúa und Pedrouzo“, so Walter, „ist die Abschlussprüfung für den Camino. Wenn du hier deinen Frieden findest, dann ruhst du überall in Dir selbst. Und dann brauchst du auch keinen Camino mehr zu laufen.“

Ich denke, ich werde noch einige Caminos laufen müssen, bevor ich soweit bin.

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