Die Vagabundin erwacht

Die Vorbereitungen auf Camino del Norte und Camino Primitivo laufen. Ich möchte es dieses Jahr noch einmal wissen. Vermutlich bin ich einfach ebenso infiziert vom Camino-Virus wie all die vielen anderen, die mit dem Camino – vor allem mit den Wegen in Spanien – so viele schöne Erlebnisse verbinden. Was die Wege dort ausmacht, sind die gute Infrastruktur, das unbekümmerte Dahingehen mit ausgezeichneten Wegmarkierungen, eine günstige Übernachtung am Ende jeden Tages und die Gemeinschaft mit den vielen anderen Pilgern, denen man begegnet. Gerade die Gemeinschaft macht für mich die Wege in Spanien aus. Und darum bin ich froh, dass es sie gibt: Die vielen Menschen, die Jahr für Jahr nach Santiago pilgern.

Genug davon. Ich habe meine Schuhe geschnürt, meinen neuen Rucksack geschnappt, der um so vieles leichter ist als mein Begleiter auf den ersten Caminos. Und bin raus, von Oberursel bis in den Hintertaunus, bei erst einmal herrlichem Sonnenschein, den uns die Wetterfrösche gar nicht angekündigt hatten. Dem Rucksack habe ich genau so gepackt, dass ich eigentlich direkt für Wochen unterwegs sein könnte.

Mein Weg führt mich durchs Oberurseler Feld, vorbei an der 400 Jahre alten Gerichtslinde, die leider heute nur noch eine Ruine ist, in Richtung Norden.

Ich will über den Taunuskamm, es erwarten mich etwa 1.000 Höhenmeter, 600 davon gehen bergauf, der Rest bergab.

Der Winter sitzt mir ganz schön schwer in den Gliedern. Dennoch: Ich fühle mich frei. Die Vagabundin in mir erwacht. Ich genieße die unendliche Freiheit, das Knirschen meiner Schritte auf dem Schotter, das Geflüster der von der Schneeschmelze angeschwollenen Bäche, die von dem langen, dunklen Winter in den Bergen erzählen.

Ich begegne nur wenige Menschen an diesem Karfreitag-Morgen. Eine Läuferin mit Hund, ein Tierliebhaber, der mit einer schweren Kamera auf der Suche nach schönen Motiven ist, ein paar Mountainbiker.

Auf dem Weg vom Taunuskamm hinunter Richtung Neu-Anspach treffe  ich gegen Mittag auf eine Gruppe Spaziergänger. Sie wollen zum Restaurant „Talmühle“ und finden sich nicht zurecht. Ich habe meine Tour zwar heute mit einer App geplant, habe aber zur Sicherheit eine Karte dabei. Sieht so aus, als wäre es nicht mehr weit bis zur „Talmühle“. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, am Karfreitag im Hintertaunus auf ein geöffnetes Lokal zu treffen. Die Aussicht auf ein warmes Mittagessen ist zu verlockend, als dass ich daran vorbeigehen würde. Die Auswahl an vegetarischem Essen ist nicht groß: Es gibt Handkäse mit und ohne Musik und, passend zur Jahreszeit, grüne Sauce mit Ei und Kartoffeln. Gemessen an dem, was ich im Rucksack habe, ist es ein Festessen.

In der „Talmühle“ bin ich zwar nicht die einzige Wanderin, aber auf jeden Fall die mit dem größten Rucksack. Die meisten Gäste sind mit dem Auto da. Weil ich nicht reserviert habe, darf ich mich an einem Tisch dazusetzen, was mir sehr recht ist. Ich mag es mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Als ich wieder draußen bin, ist die Sonne weg und es geht ein schneidender Wind. Weiter geht’s vorbei an Neu-Anspach über Brombach nach Merzhausen, vorbei an der Jammerhecke, wo im kalten Winter 1709 einige Schulkinder erfroren sind. Zum Gedenken an die Tragödie hat man hier eine Tafel aufgestellt.

Linker Hand liegt der Pferdskopf mit seinem Aussichtsturm. Hinter Merzhausen überholt mich ein alter Mann mit E-Bike und Hund. 84 Jahre alt ist er und früher auch viel gewandert, gemeinsam mit seiner Frau. Dann hat plötzlich sein Knöchel gestreikt, ist von einem Tag auf den anderen angeschwollen und wollte nicht mehr. Seine Frau lebt nicht mehr. Jetzt fährt er mit dem Wohnmobil in den Urlaub, das ist so klein, dass er und der Hund gerade hineinpassen. Er lacht, setzt sich aufs Fahrrad und fährt schlingernd in halsbrecherischem Tempo den Berg hinunter. Ich mag diese kurzen Begegnungen, die kleinen Geschichten am Wegesrand.

In Wilhelmsdorf gibt es einen Bahnhof. Von dort beschließe ich nach Hause zu fahren. 23 Kilometer bin ich gelaufen. Eigentlich wollte ich noch fünf Kilometer weiter bis Grävenwiesbach. Aber der Zug fährt bereits zwanzig Minuten später und ich bin müde. Und dankbar, dass man hierzulande beinahe jederzeit irgendwo in einen Zug oder Bus steigen kann.

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