Auf nach Worms! Versöhnung inklusive.

Heute brauche ich recht lang, ehe meine müden Knochen einigermaßen mitziehen. Schon das Aufstehen bereitet mir große Mühe. Ich gönne meinem Rücken die notwendige Langsamkeit. Ich lebe ja im Luxus, zumindest aus dem Blickwinkel einer Pilgerin. Kaffeemaschine, Wasserkocher und Kühlschrank im Zimmer. Ein Käsebrötchen und ein paar Tassen Muntermacher. Was will ich mehr? Ich habe Zeit. Es sind nur noch 11 Kilometer bis in die Innenstadt von Worms, dem Ziel des Lutherwegs 1521, von Eisenach nach Worms.

Gegen acht Uhr morgens verlasse ich das warme Nest in ein wenig angenehmes Wetter. Es soll so werden wie gestern: Wind und Feuchtigkeit. Nasskalt eben.

Aber erst einmal geht’s wieder hinauf in die Weinberge. Bis jetzt kommt von oben kein Wasser. Geht doch! Schwierigkeiten macht mir nur der bisweilen schlecht ausgeschilderte Weg. Alle drei Wegpaten von Jakobs-, Luther- und Rheinterrassenweg scheinen sich immerzu einig zu sein: Entweder hast Du alle drei Markierungen an einem Pfosten kleben oder eben keine. Manchmal sieht man wider Erwarten dann doch noch eine völlig verblasste Muschel. Allein, die Wegrichtung ist dann aber nur schwach angedeutet bzw. lässt sie alle möglichen Deutungen zu. Ich bin also heute auf Orientierungssinn und gesunden Menschenverstand angewiesen.

Die Richtung ist ungefähr klar. Die erste Korrektur nehme ich noch vor dem Überqueren der Schnellstrasse nach etwa drei Kilometern Wegstrecke vor. Ich muss ja schließlich irgendwie auf die Brücke kommen. Danach lassen mich wieder alle Wegzeichen im Stich. Ich habe die Wahl zwischen Matsch und Asphalt. Der Weg durch den Matsch führt eher in meine Richtung, ich entscheide mich aber für den befestigten Weg, nehme einen Umweg in Kauf, und komme über einen Fahrradweg nach einiger Zeit wieder auf den ausgewiesenen Weg. Das erfordert aber mindestens eine weitere richtige Entscheidung.

Der Radweg, eine stillgelegte Bahntrasse, würde mich vermutlich auch in Richtung Herrnsheimer Schloss, meine Zwischenetappe, führen, aber der Lutherweg will einen anderen Verlauf nehmen, nur um mich etwa 500 Meter vor dem Schloss wieder vollständig hängen zu lassen. Fluchend setze ich meinen Weg an der durchschnittlich befahrenen Straße fort.
Den Weg zum Schloss schenke ich mir dann, als ich endlich wieder auf eine Markierung treffe. Ohnehin scheint mir das Schloss mit seinem tarnfarbengrünen Anstrich wenig einladend. Die Umgebung allerdings, der Ortskern des alten Herrnsheim, wirkt wesentlich einladender. – Geschenkt!

Nach kurzer Zeit lande ich wieder auf dem Radweg, auf dem ich mir vermutlich einige Kapriolen erspart hätte. Von hier geht’s geländesicher immer der Nase nach, bis …. – ja, bis hinter einer Bahnüberführung der Weg wieder im Nirvana endet. – Nun ja, ich wollte sowieso erstmal zum Bahnhof, also folge ich den Schienen, die mich dann irgendwann auch sicher zum Wormser Hauptbahnhof geleiten. Ich besorge mir ein Zugticket, bekomme von dem netten Bahnbeamten gleich noch einen Stadtplan mit und stelle fest: Ziel erreicht. In den drei Tagen, die ich jetzt unterwegs war, bin ich mal wieder in einen völlig anderen Seinsmodus gewechselt, bin wie ausgewechselt, super entspannt und zufrieden, trotz der schlechten Wegmarkierung.

Ich nutze die nächsten zweieinhalb Stunden für eine Stadtbesichtigung. Und ja: Wenigstens hier hätte ich doch gerne einen Stempel in meinem Pilgerausweis. Die evangelische Magnuskirche, der Endpunkt des Lutherwegs, glänzt – wie im übrigen so häufig auf dem Weg erlebt – durch eine geschlossenen Pforte. Schade. Aber im Dom, bei den Katholiken, habe ich Erfolg. Dort stempelt man mir, wenn auch mit hochgezogenenen Augenbrauen, ein katholisches Muschelzeichen in meinen protestantischen Lutherwegsausweis. Wenn das nicht, nach fünf Jahrhunderten, ein Zeichen der Versöhnung ist!

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