Der Weg führt immer vorwärts

Eigentlich hatte ich in diesem Jahr keinen längeren Pilgerweg geplant. Eigentlich. Dann kam Corona und stellte die Welt auf den Kopf und durchkreuzte meine Reisepläne. Erst wollte ich nach Texas. Dann, als Corona schon sehr nah war, dachte ich noch, ich könnte ja mal mit dem Auto nach Spanien fahren und links und rechts vom Camino ein paar Orte besichtigen, für die ich nie Zeit hatte. Und als dieser Plan sich dann auch als völlig utopisch erwies, hab ich schlicht aufgehört, mir Pläne zu machen.

Und doch: Insgeheim hatte ich gehofft, dass ich wenigstens ein paar Tage im Juni pilgern kann. Mal wieder raus, mal wieder was anderes sehen, als meine eigenen vier Wände, die vom vielen Draufstarren schon ganz vergilbt sind, und die nahegelegene – zugegebenermaßen sehr schöne – Natur. Ja wirklich: Im Taunus lässt es sich leben.

Aber zurück. Corona hat nicht nur meine Reisepläne auf den Kopf gestellt, sondern viele andere Dinge auch. Letztes Jahr dachte ich noch, ich hätte nach drei Jahren auf verschiedenen Jakobswegen in Spanien nun endlich eine Krise bewältigt. Und hab dabei gar nicht gemerkt, dass die nächste persönliche Aufgabe sich klammheimlich schon längst entwickelte. Während der Kontaktsperre hatte ich Zeit für eine ausgiebige Rückschau auf ein neues altes Thema.

Spirituelle Fragen drehen sich eigentlich immer um drei Themen, die alle untrennbar miteinander verwoben sind: die Beziehung zu mir selbst, die Beziehung zu meinen Mitmenschen und die Beziehung zu Gott. Ich kann gar nicht so genau sagen, welche Beziehung ich gerade am dringendsten klären muss. Ich schätze, die zu mir selbst und zu meinen Mitmenschen. Wie gesagt: Ich war eigentlich der Meinung, ich hätte das erledigt. Aber nein! Es zeigen sich immer wieder neue Facetten ein- und desselben Problems. Vielleicht ist das überhaupt das Spannende am Dasein.

Nun, wir sind alle jederzeit irgendwelchen Veränderungen unterworfen. So ist das Leben. Und irgendwann kann man eben nicht mehr wegschauen und sich ablenken. Corona hat mir die Augen geöffnet und schenkt mir nun unerwartet tatsächlich eine neue Erfahrung auf dem Pilgerweg. wenn mich meine Pilgerwege eines gelehrt haben, dann ist es das Wissen, dass der Weg nicht zurück geht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft, nach vorne. Weiter, immer weiter.

Ab Pfingsten, wenn Unterkünfte wieder geöffnet sind, darf ich wieder dem Muschelzeichen folgen, und zwar von Görlitz im äußersten Osten der Republik immer westwärts. Ich gehe auf dem Ökumenischen Pilgerweg entlang einer ehemals wichtigen Handelsstrasse, der Via Regia, die 1252 erstmals erwähnt wurde. Gestern war der Pilgerführer in meinem Briefkasten mitsamt einem Pilgerausweis, der bezeugt, dass ich als Pilgerin auf den alten Glaubensspuren zum Grab des Apostels Jakobus d.Ä. bin. Gerade weil das Ziel in so weiter Ferne und dieses Jahr für mich mit Sicherheit nicht zu erreichen ist, war ich ganz besonders berührt von der Aussage „… ist auf der Reise nach Santiago de Compostela.“

Ja, ich bin auf dem Weg. Und der Weg führt vorwärts und lässt die Erinnerung an Vergangenes verblassen. Welch eine Chance! Ultreia!

2 Kommentare

  1. …ja!… überall in Europa findet man den Jakobsweg, auch quer durch Deutschland…aber der eigentliche Weg führt immer durch einen selber, egal wohin man geht…und das ist tröstlich, denn auch wenn ich hier bei mir in die Berge gehe oder soger nur am Feuer sitze und mich nicht bewege, kann ich auf dem Weg sein…viel Glück Dir!

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