Den Akku aufladen – raus aus der Stressfalle!

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bin nach diesem Lockdown-Winter ziemlich geschafft und fühle mich müde und erschöpft wie selten. Es gab einfach in den vergangenen Monaten viel zu wenig Reize: zu wenig wirkliche Kontakte mit Familie und Freunden, kein Einkehren ins Restaurant oder ins Café nach oder während einer langen Wanderung, kein Kino, kein Theater, keine Konzert. Einfach nichts außer Wandern, was bei kaltem, ungemütlichen Wetter trotz Henkelmann und heißem Tee einfach auch kein wirklicher Genuss war. Zum Schluss haben wir unsere Touren auf etwa zehn Kilometer eingekürzt.

Nun sind die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zwar ein bisschen gelockert, aufgrund der steigenden Fallzahlen ist aber bereits heute absehbar, dass wir vor Mai vermutlich nicht annähernd ein normales Leben zurückbekommen. Die meisten von uns Schreibtischtätern sitzen bewegungsverarmt im Home Office, wir sind gestresst und ausgelaugt. Ich selbst habe mich den Winter über in erster Linie vom Bett zum Esstisch, von dort zum Schreibtisch und in gleicher Weise wieder zurück bewegt. Wohin führt das?

Die Stressfalle

Irgendwann beginne ich in diesem Alltagseinerlei, depressive Gedanken zu entwickeln. Ich fühle mich gefangen in einem Gedankenwirrwar von „das wird nie mehr anders“, „ich war ja schon immer so unbeweglich“, „ich bin so unkreativ“. Jeder, der ein bisschen Körpergefühl hat, weiß, dass Trägheit nur zu weiterer Trägheit und Abgespanntheit führt, was wiederum in noch größere Bewegungsunlust mündet. Ich für meinen Teil greife dann gerne auch mal zu viel und ungesundem Essen oder auch einem dritten Cappuccino und Unmengen an Tee. Aber ich weiß: Wenn ich dem nachgebe, dann sitze ich in der Falle. Der Körper wird noch steifer, ich habe keinerlei Energie mehr und kann mich kaum noch überwinden zu einer Joggingrunde am Morgen.

Wenigstens locken die Aussicht auf besseres Wetter und eine Rast auf einem Ruhebänkchen inzwischen wieder hinaus. Und damit steigt auch der Wunsch, die Winterstarre endlich aktiv abzuschütteln und die Akkus wieder aufzuladen.

Nix wie raus!

Bereits seit meiner Kindheit kultiviere ich zwei sehr effiziente Stressbewältigungsstrategien. Eine davon ist Schlafen. – Ja, richtig! Es ist mir geschenkt, dass ich in jeder noch so belastenden Situation gut ein- und durchschlafen kann. Zum großen Teil verdanke ich das meinem Vater, der mir immer, wenn ich ängstlich und besorgt war und über eine schreckliche Zukunft nachgrübelte, versicherte, dass die Welt nach einer Nacht Schlaf schon sehr viel besser aussähe. Und was soll ich sagen? Er hat recht behalten. Immer. Bis heute kann ich mich nicht an eine einzige Situation erinnern, in der das nicht so gewesen wäre.

Die andere Strategie, die ich schon seit damals pflege, ist: nix wie raus in die Natur! Ich habe bereits als Kind weite Kreise gezogen und bin weit über den Radius hinausgegangen, der heute Kindern im allgemeinen zugestanden – und zugetraut – wird. Ich bin im übrigen auch sehr dankbar dafür, dass es damals, in den 60er- und 70er-Jahren, noch keine Handy-Überwachung durch unsere Eltern gegeben hat. Wir waren einfach den Nachmittag über verschwunden, absolut frei und auch völlig in Ruhe gelassen, sofern wir zur rechten Zeit wieder am Abendbrottisch saßen.

Vermutlich war in dieser Zeit bereits der Grundstein zu meiner Fernwander- und Pilgerlust gelegt. Aus eigener Kraft eine gewisse Strecke zurückzulegen und einfach von der Haustür loszulaufen, war für mich lange Zeit ein großer Traum. Dass es mich dann auf den Camino Francés in Spanien verschlug, hatte damit zu tun, dass ich einfach nicht gerne mit einer Wanderkarte in der Hand losgehe, dass es vor zwanzig Jahren auch noch keine Komoot-App gab und mir die Aussicht auf eine gute Infrastruktur hinsichtlich der Übernachtungen gefiel; es gibt einfach genügend Herbergen auf dem Camino.

Nun mag es in Corona-Zeiten einige Pilger geben, deren Lebensumstände es aktuell zulassen, trotz der Pandemie an eine fünf- bis sechswöchige – oder noch längere – Pilgertour im Ausland zu denken. Ich gönne es ihnen, wenn auch nicht ganz neidlos. Für mich trifft das aktuell aber überhaupt nicht zu. Ich habe meine Urlaube in diesem Jahr so verplant, dass ich mit größerer Wahrscheinlichkeit irgendwann wenigstens mal für eine Woche hier wegkomme. Soll heißen: Ich habe einige kürzere Urlaube über das ganze Jahr hinweg geplant. An einen größeren zusammenhängenden Zeitrahmen ist also nicht zu denken. Und dann ist es fraglich, ob nicht gerade wieder mal alle Grenzen zumachen.

Das Loslassen der Gedanken setzt Kreativität frei

Vergangene Woche durfte ich wieder einmal die Erfahrung machen, dass Zeit im Hinblick auf das eigentliche Abenteuer überhaupt keine Rolle zu spielen scheint. Es scheint nur drei Tage zu benötigen, um einmal ganz aus der altgewohnten Welt zu fallen und wieder völlig neue Perspektiven auch für das eigene Leben zu entwickeln. Und das geht – dem öffentlichen Personennahverkehr sei Dank – in unserem Land ganz besonders gut. Ok, es ist ein wenig kniffelig, Touren so zu legen, dass man jederzeit auch wieder nach Hause kommt. In den ländlichen Gebieten hat der öffentliche Nahverkehr doch in der Vergangenheit sehr gelitten. Es fährt nicht viel. Aber grundsätzlich funktioniert es noch.

Drei Tage lang waren wir hier im Taunus unterwegs. Wir sind jeden Abend mit den Öffentlichen wieder nach Hause zurückgekehrt. Vielleicht hing der Erholungseffekt damit zusammen, dass wir eine Strecke geplant haben und keine Tagesrundtouren. Über das Thema Strecke oder Rundtour habe ich mir an anderer Stelle schon mal Gedanken gemacht. Es ist ja doch so, dass man bei einer Tour, die einen von zu Hause wegführt, grundsätzlich schon einmal bei der Planung sehr viel mehr Gehirnschmalz einsetzen muss und sich auf die bevorstehende Tour fokussiert. Da ist einfach – jedenfalls bei mir – nicht mehr viel Platz für andere Gedanken. Ich bereite alles so vor, als ob ich auf längere Tour ginge. Und dann gehe ich los und entferne mich mit jedem Schritt von meinem Alltag.

Was dann zählt, ist nur noch der nächste Schritt. Vergangenheit und Zukunft verblassen. Ich öffne mich völlig dem Neuen, das auf mich einströmt. Unverhoffte Begegnungen, die ich sonst überhaupt nicht beachtet hätte, ein alter mit Moos überzogener Baumstumpf, ein besonders gewachsener Baum, ein Knacken im Wald und mein Lauschen und Schauen, ob nicht irgendwo ein Reh zu sehen ist. Das Loslassen der Alltagsgedanken setzt ungeahnte Kreativität frei. Und auf einmal sehe ich die Welt wieder in hellen Farben.

Mein Fazit aus der letzten Wanderung: drei Tage lang Weggehen von zu Hause bringt mich wieder vollständig zu mir selbst zurück. Mehr braucht es nicht.

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