Von Eisenach nach Oberellen

Der Weg birgt ja immer wieder Überraschungen und heute häufen sie sich vor allem am Abend.

Nach einem knackigen Anstieg zur Wartburg, verläuft der Muschelweg erst einmal flach und immer parallel parallel zum Lutherweg bis Oberellen. Wir gehen eine Zeitlang auch über den Rennsteig, den wir dann kurz vor dem Hütschhof verlassen. Heute gibt es auf der Sängerwiese, kurz hinter der Wartburg, sogar mal Kaffee und Kuchen für uns. Die Kuchenstücke sind so mächtig, dass wir damit über den Tag kommen könnten.

Etwa vier Kilometer hinter dem Hütschhof liegt Oberellen. Kurz davor treffen wir einen Mann mit einem Eimer voller Steinpilze und Maronen. Uns erwartet in der Herberge eine Tiefkühlpizza, mit der wir ja unter anderen Umständen hochzufrieden wären. Aber wegen der Steinpilze gehen die Essensphantasien mit uns durch. Es müsste doch möglich sein, im Ort ein paar Eier und vielleicht ein bisschen Gemüse aufzutreiben. Hier auf dem Land ….

Direkt am Ortseingang von Oberellen steht ein rotes Haus mit einem wunderschönen Bauerngarten davor. Eine Frau steht im Garten, wir kommen ins Gespräch. Wir fragen, ob im Dorf irgendjemand Eier verkauft. Und da bietet sie uns einen Kaffee an.

Dankend nehmen wir an und nehmen im Garten Platz, während sie im Haus verschwindet und einige Zeit später mit Kaffee, Brot und Butter, selbst gemachter Marmelade und Holundersirup wieder herauskommt. Sogar Spiegeleier hat sie uns gebacken. Wir sind überwältigt von so viel Gastfreundschaft.

Sie verköstigt wohl öfter Pilger, aber dieses Jahr ist es wegen Corona das erste Mal. Einige Zeit später kommt ihr Mann dazu. Wir erfahren von den beiden einiges über die Zeit vor der Wende. Hinter Oberellen war der Schlagbaum, dahinter lag Sperrgebiet, in das man nur mit einem Passierschein kam. Fünf Kilometer weiter der Todesstreifen.

Jeden Morgen wurden die Werktätigen in drei Schichten mit dem Bus nach Eisenach gebracht. In der ganzen DDR war das wohl so, die Busse fuhren zur gleichen Zeit los. Wenn kontrolliert wurde, mussten alle ihre Ausweise nach oben halten. Passierscheine für verschiedene Sperrgebiete hatten unterschiedliche Farbmarkierungen. Später erzählt uns Heike, die Freundin unserer Herbergsleute, dass von Westseite keiner zu nah an den Grenzzaun kommen durfte. Sobald ihre spielenden Kinder zu dicht dran waren, standen da schon bewaffnete Soldaten der NVA und drohten. – Kein Mensch wünscht sich diese Zeiten zurück.

Schweren Herzens verabschieden wir uns nach anderthalb Stunden. Unsere Herberge liegt nur fünf Gehminuten entfernt. Familie Heichel nimmt erst seit Kurzem Pilger auf. Weil sich für heute noch ein Pilger angekündigt hat, bekommen wir die Ferienwohnung. Familie Heichel ist selbst nicht da, aber Heike, die Freundin der Familie, begrüßt uns herzlich. Hier wird man in christlicher Nächstenliebe empfangen und bewirtet. Überall zeugen liebevolle Kleinigkeiten, Sprüche und Karten, von dem gelebten Glauben hier. Wir dürfen den Garten draußen nutzen. Die Küche ist gut ausgestattet und wir bekommen sogar ein Bier.

Die nächste Überraschung steht eine Stunde später vor der Tür: Markus hat sich die gleiche Herberge ausgesucht. Die letzte Nacht hat er auf dem Kleinen Hörselberg im Zelt verbracht. Jetzt freut er sich auf eine Nacht im warmen Bett. Wir freuen uns über das Wiedersehen.

Heute gibt uns der Weg mal alles.

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