Von Niederjossa nach Bad Hersfeld

Heute werde ich durch das Trommeln des Regens aufs Dachfenster im Badezimmer meiner Unterkunft geweckt. Eigentlich war Regen vorhergesagt. Meine Wirtin meint beim Hinausschauen Schnee zu erahnen. Ganz folgen kann ich ihr da nicht. Doch als ich vor die Tür trete, ist der Regen ganz deutlich in Schnee übergegangen. Wenn auch ein sehr feuchter Schnee.

Ich streife meinen Poncho über und ziehe die Kapuze fest, bis nur noch die Nasenspitze rausschaut. Mit gesenktem Kopf gehe ich los und bereue schon nach wenigen Metern, dass ich die Handschuhe in der Seitentasche meines Rucksacks gelassen habe. Ich verrenke mich ein wenig, schaffe es aber nicht, die Dinger rauszuziehen. Und jetzt? Den Poncho nochmal runter und Rucksack absetzen? – Kommt gar nicht in Frage. – Eigenwillig und stur gehe ich weiter. Doch meine Finger sind schon nach einem halben Kilometer eisig. An einem der letzten Häuser von Niederjossa schaue ich mich um, ob ich nicht irgendjemanden um Hilfe bitten können. Und sehe einen Mann, der gerade den Müll rausträgt. Ich rufe ihm ein „Hallo“ zu und „Dürfte ich Sie um einen Gefallen bitten?“. – Der Mann bleibt bei der ungemütlichen Witterung mit eingezogenem Kopf vor seiner Haustür stehen. Ich beeile mich, mein Anliegen vorzutragen und er hilft mir ganz selbstverständlich.

Die sechs Kilometer bis Niederaula lege ich in einem Affentempo zurück. Es geht lange Zeit ziemlich nah an der Straße lang. Die Kirch in Niederaula ist wider Erwarten geöffnet. Ein schönes Kirchlein mit grünen Holzsäulen und ebenso grünen Holzbänken. Weil ich mir einen Pilgerstempel abholen will, gönne ich mir eine kleine Verschnaufpause. Poncho aus, Rucksack runter, erstmal was trinken. Und weil ich dann sowieso schon sitze, bleibe ich noch eine Weile und genieße die Stille des Kirchenraums.

Hinter Niederaula geht es steil bergauf. Es ist mir ganz recht, weil es mir nun endlich warm wird. Schade nur, dass ich wegen des Schnees nicht weit schauen kann. Dem steilen Anstieg folgt ein flacher Abstieg hinunter nach Beiershausen. Mittlerweile ist der Schnee in Regen übergegangen. Ich hätte gerne einen überdachten Platz, eine Schutzhütte oder meinetwegen auch eine Bushaltestelle. Doch hier gibt es nichts. Bis Asbach sind es aber nur weitere knapp zwei Kilometer. Und dort setze ich mich ein wenig erschöpft direkt neben der Hauptstrasse an die Bushaltestelle und hole mein Brötchen heraus. Mittlerweile ist es halb zwölf, und ich bin schon seit dreieinhalb Stunden unterwegs.

Gerade als ich meinen Rucksack wieder schultere, kommt der Bus, der nach Bad Hersfeld fährt. Unwillkürlich muss ich grinsen, denn ich käme jetzt unverhofft früh in die Stadt. Aber noch bin ich nicht bereit, den Bus zu nehmen. Inzwischen hat es auch aufgehört zu regnen. Bis zum Schloss Eichhof, wo Luther auf seiner Rückreise von Worms die Nacht verbracht hat, sind es nur noch knappe vier Kilometer.

Heute ist in dem Schloss eine Informations- und Bildungseinrichtung des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen für den ländlichen Raum untergebracht. Hier werden Landwirte ausgebildet und versuchsweise Pflanzen zur Gewinnung von Energie und auch zu anderen Themen angebaut. Es gibt jede Menge Informationstafeln zu den Versuchen entlang des Weges. Aber ich habe es jetzt eilig, nach Bad Hersfeld zu kommen. Das ist mein Ziel für heute und für die drei Pilgertage, die ich mir gegönnt habe. Die Strecke bis zur Wartburg werde ich ein andermal laufen.

Während der drei Tage von Alsfeld bis nach Bad Hersfeld ist mir weder ein Wanderer noch ein anderer Pilger begegnet. Es scheint aber, dass der Weg doch inzwischen schon recht bekannt ist. Das habe ich den Erzählungen und auch den Gästebüchern entnommen. Inzwischen kommen sogar schon Pilger aus den Niederlanden hierher. Den Menschen, die am Lutherweg wohnen, wird der Pilgerweg anscheinend auch immer selbstverständlicher. Vor einem Jahr sind mir noch viele Anwohner begegnet, für die der Weg noch kein Begriff war. Mit den Pilgern, die kommen, und auch mit dem steigenden Angebot an günstigen Unterkünften wird dieser Weg immer lebendiger. Denn der Weg entsteht im Gehen, wie es so schön heißt.

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