Die Krise meistern (V) – Dran bleiben

Es hat etwas Heilsames, sich morgens einen Moment Zeit zu nehmen, um sich zu fragen: ‚Wie kann ich mich heute mit meinen Fähigkeiten einbringen?‘ Es richtet mich auf das aus, was eben gerade ansteht. Es hilft mir, während der Kontaktsperre meinen Tag bewusster zu planen und zu strukturieren und Ruhe zu bewahren. Weil es doch schließlich auf jeden Einzelnen von uns ankommt, dass wir diese weltumspannende Herausforderung meistern.

Eine Zeitlang ist so eine neue Übung ganz spannend und anregend. Und dann erwischt es mich. Ich habe schlecht geschlafen, bin nicht in der Stimmung. Die Krise dauert zu lang. Ich will jetzt mal wieder unbeschwert nach draußen gehen, mit Nachbarn Essen und Feiern, meine Schwester besuchen. Und dann lasse ich es schleifen.

Nicht, dass mir die Mechanismen unbekannt wären. In meiner Yogapraxis übe ich andauernd, dran zu bleiben für einen bestimmten Zeitraum, für vierzig Tage oder mehr. Es gelingt mir dabei mal mehr, mal weniger gut und der Ausgang ist immer abhängig davon, ob ich es schaffe, ein gewisses Ziel im Auge zu halten und darauf zuzusteuern.

Es gibt immer wieder entscheidende Punkte auf der Wegstrecke, an denen die Sache möglicherweise kippt. Auf dem Camino von St.-Jean-Pied-de-Port nach Finisterre hatte ich das zum ersten Mal nach etwa zehn Tagen. Nachdem ich es endlich drauf hatte, morgens im Dunkeln meine paar Habseligkeiten zusammenzupacken und auf leisen Sohlen aus dem Schlafsaal zu schleichen, ohne irgendwas Wichtiges wie ein Handtuch, Socken oder ein T-Shirt zurückzulassen; nachdem ich wusste, wieviel Kilometer ich mir am Tag zumuten konnte; nachdem ich mich von einigen überflüssigen Dingen und damit von zwei Kilogramm Gewicht im Rucksack getrennt hatte; nachdem ich Teil einer kleinen Camino-Familie geworden war, die mir jeden Abend das Gefühl gab, erwartet zu werden. Da passierte etwas in meinem Denken. Mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich genau das: Gehen, Essen, Schlafen, Weitermachen jetzt für noch weitere etwa fünf Wochen tun würde. Kurz: Ich begann mich zu langweilen.

Ich bin froh, dass ich damals nicht dem Trugschluss erlegen bin, das ganze Unternehmen müsse überhaupt in Frage gestellt werden. Stattdessen habe ich meine Vision, irgendwann Santiago und Finisterre zu erreichen, einfach weiter im Auge behalten. Ohnehin hatte ich nichts Besseres zu tun. Und anstatt den Rucksack hinzuschmeißen, nahm ich mir ein paar Tage Zeit, um herauszufinden, was ich wirklich brauchte. Ich musste in mich gehen. Ich brauchte die Einsamkeit, den Verzicht auf meine Camino-Familie und die Leere der Meseta. Die Raupe musste sich verpuppen, um zum Schmetterling zu werden.

Manchmal müssen wir einfach durchgehen, durch diesen Transformationsprozess, damit am Ende was Gescheites dabei rauskommt. Egal wie schmerzhaft es wird. Es wird leichter, wenn man einen Fuß vor den anderen setzt und darauf vertraut, dass es schon gut ausgehen wird.

Was heißt das jetzt in Corona-Zeiten? Ganz einfach: darauf vertrauen, dass auch wieder andere Zeiten kommen. Nicht zu schnell aufgeben, aber auch sich selbst und das Leben nicht aufgeben. Das Beste daraus machen. Nicht aufhören, füreinander da zu sein. Weitergehen, so wie einen die Füße eben tragen.

In drei Tagen lesen wir uns wieder. – Bis dahin wünsche ich allen ein frohes und lichtvolles Osterfest! Buen Camino!

 

 

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