Tag 24: Zamora – Montamarta (14.06.2022)

Die Vía de la Plata hat sich bislang nicht durch besondere Gastfreundlichkeit gegenüber Pilgern gezeigt. Im allgemeinen wirst Du als Pilgerin hier zur Kenntnis genommen und auch mit durchgefüttert, ja, und Du bekommst ein in den allermeisten Fällen bescheidenes Bett und Dach über dem Kopf. Gemeinsame Abendessen in den Herbergen sind vermutlich mangels Masse nicht so angesagt hier. Sie mögen auch aufgrund der Pandemie in Vergessenheit geraten sein. Im allgemeinen vermisse ich die freundliche Wärme der Pilgerfamilie abseits der üblichen Barverköstigung; das Kennenlernen jeden einzelnen Pilgers, der vor dem Essen teilt, warum er sich auf den Weg gemacht hat; die spontanen Geburtstagsfeiern.

Auch deshalb ist das Frühstück in der Donativo-Herberge von Zamora, in der Ehrenamtliche im Dienst der Pilger sind, eine Riesenüberraschung. Es gibt ein festlich gedecktes Buffet mit richtigem Espresso aus der Kanne, gekochte Eier, Orangensaft, Toast, Obst und noch so vieles mehr. Und alles ist nicht etwa am Abend vorher angerichtet und unter Plastik verpackt oder gar als kalter Kaffee zum Aufwärmen in der Mikrowelle bereitgestellt, sondern alles wurde am Morgen frisch aufgeschnitten. Die Hospitaleros sind in der Küche zugange und sorgen für den Nachschub. Wir werden an diesem Morgen von den Hospitaleros vor der Tür verabschiedet und es ist sogar noch ein wenig Zeit für ein paar Fotos.

Das ist Balsam für Leib und Seele. Solchermaßen gestärkt fällt mir das Laufen heute etwas leichter; zumindest scheint der rechte Fuß etwas weniger geschwollen. Aber nach etwa einer Stunde fängt der zweite linke Fußzeh wieder an zu pochen. Und es wird wie immer gnadenlos heiß. Ich bleibe andauernd stehen, um durch immer wieder neue Schuhschnürungen meine Schmerzen im Rahmen zu halten. Aber wie ich auch mein Schuhwerk binde, nach wenigen Minuten beginnt mein Zeh wieder mit einem kreischenden Aufheulen.

Auf diesem Weg gibt es selten die Gelegenheit, unterwegs irgendwo einzukehren. Aber heute meint es der Camino gut mit mir und schenkt mir eine Bar in Roales del Pan nach etwa anderthalb Stunden Gehen. Ich habe heute bis Montamarta nur etwa vier bis fünf Stunden insgesamt vor mir. Freilich: Das sind vier bis fünf Stunden Meseta mit Fernsicht in die Unendlichkeit (immerhin!), die AVE-Trasse und die A-66 immer wieder im Blick, staubige Landschaft, lange Geraden auf Schotterpisten, Kornfelder soweit das Auge reicht … und kein Schatten. Ich sehne mich nach ein bisschen Wald, will raus aus diesem ewigen Wettlauf gegen die Sonne. Mein Blick schweift nach links. Ganz da hinten in der Ferne gibt es Berge und Bäume. Viele Bäume. Sie sind noch Tage entfernt, aber sie geben Hoffnung. Da hinten wartet Galicien.

Kurz vor Montamarta wartet Gorazd auf mich, seine lahmfüßige Pilgerfreundin. Er hat mich eine ganze Weile nicht gesehen und sich Gedanken gemacht, ob ich es wohl schaffe. Tröstlich zu wissen, dass man nicht unbemerkt auf offener Strecke liegen bleiben wird.

Die Herberge von Montamarta befindet sich ein wenig außerhalb, direkt an der Nationalstraße. Gegenüber ist bei Temperaturen um die 38 Grad ein Pferd in der prallen Sonne an einem etwa drei Meter langen Seil festgepflockt und kann sich kaum rühren. Ich werde nie begreifen, wie man einem Tier so etwas antun kann. Vor der Herberge steht Umberto, ein Italiener, der gestern auch in Zamora übernachtet hat. Außer ihm ist hier noch ein Spanier abgestiegen. Francisco gibt sich große Mühe, gaaaanz langsam mit mir zu sprechen. Auf diese Weise kann ich sogar ein bisschen Konversation mit ihm führen.

Überall schwirren Mücken herum. Wir achten deshalb alle peinlich darauf, die Türen und Fenster des Schlafsaals geschlossen zu halten. In der Küche und auch im Garten ist die Plage kaum auszuhalten. Ich flüchte mich darum in den Ort. Ohnehin brauche ich was zu Essen. Gorazd kommt mit. Wir finden eine Bar, die das übliche Pilgermenü anbietet: Fleisch, Pommes und Salat. Da das Restaurant bald schließt, probieren wir später das Café in der Nähe der Herberge am Ortsanfang aus. Die Fanta ist abgelaufen und sieht wenig vertrauenserweckend aus, der Kaffee ist auch nicht zu genießen. Die beiden alten Leute scheinen aufgegeben zu haben. Mit dem Schmutz in der Kneipe scheinen sie schon lange nicht mehr fertig zu werden.

Ich beschließe, mir einen Tee in der Herbergsküche zu kochen und mich meinen täglichen Aufzeichnungen zu widmen. Auf der Wiese vor dem Gebäude stehen Bänke und Tische. Eigentlich ganz gemütlich. Mit Notizbuch und Stift und einer Tasse Tee lasse ich mich nieder. Aber nicht für lange. Die Fliegen sind eine wahre Pest. Nach wenigen Minuten gebe ich entnervt auf und flüchte mich ins Haus und später wieder in den Ort, der wie ausgestorben ist. Kein Mensch auf der Straße. Montamarta, das klingt wie Marter und Pein. Vor lauter Langeweile vertilge ich auf der Plaza Mayor eine ganze Tüte Chips, die ich mir in dem kleinen Laden zusammen mit einer kalten Kas de Limón besorgt habe. Wenigstens muss ich mir um meinen Hüftspeck keine Gedanken machen. Beim aktuellen Laufpensum bleibt nichts hängen.

Später in der Herberge ist die Küche, wie so häufig auf dem Camino, in italienischer Hand. Umberto ist ein Fan von Brühe. Nicht die schlechteste Idee bei dem ständigen Verlust an Mineralien. Die Brühe kommt aus dem Tetra-Pack. Dazu gibt es Salat und Cräcker. Die Unterhaltung ein Kauderwelsch aus Spanisch, Italienisch und Englisch. Aber man versteht sich.

Gleiches Ziel und gleiche Herausforderungen sind noch immer die beste Garantie dafür, dass die Welt sich verträgt.

3 Kommentare

  1. Liebe Katja,
    Die Bäume und die Berge die du von Montamarta aus vorne links gesehen hast stehen noch in der Provinz Zamora (Galicia kommt tatsächlich bald dahinter) .Diese Bäume in der Sierra de la Culebra sind im Juli durch einen riesen Feuer vernichtet (60 Hektar).
    Es war der grösste Waldbrand in Spanien überhaupt.
    Vielen Dank dass du uns an deine Camino Erlebnisse teilnehmen lässt.
    Bin sehr gespannt und neugierig auf weitere Erzählungen. Liebe Grüße.
    Sofi

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Sogia, ja, da hast Du recht. 27.000 ha Wald sind da verbrannt, 11.000 ha davon in nur einer Nacht. Ich war genau zu der Zeit dort. Eine Tragödie für Mensch und Tier.

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