Tag 19: Fuenterroble – San Pedro de los Rozados (09.06.2022)

Seit einigen Tagen zaubert mir der Kuckuck jeden Morgen ein Lächeln ins Gesicht. Aber vorerst bewundere ich im Dunkeln erst einmal den Sternenhimmel vor der Hütte, die Don Blas und seiner kirchlichen Herberge von den „Americans on the Camino“ gestiftet wurde. „Americans on the Camino“ ist ein Verein, in dem die amerikanischen Pilger organisiert sind, und zwar quer über alle Staaten der USA. Bei meinem ersten Camino 2003 habe ich nur einen einzigen Amerikaner auf dem Camino Francés getroffen, und der hatte den Jakobsweg im Rahmen einer Europa-Tour für eine Woche auf der Liste. Im Vor-Corona-Jahr 2019 brachten es die Amerikaner immerhin bereits auf Platz 4 aller Nationalitäten, die in Santiago angekommen waren, hinter Spanien, Italien und Deutschland (Quelle: Pilgerbüro Santiago). Zu verdanken ist die Beliebtheit des Camino bei den Amerikanern wohl dem Film „The Way“, der 2010 in die Kinos kam, mit Martin Sheen in der Hauptrolle.

Wider erwarten habe ich geschlafen wie ein Murmeltier. In dem kalten, mit Gerümpel vollstehenden Speisesaal der Herberge in Fuenterroble gibt es ein reichhaltiges Frühstück, das ich so noch gestern Nachmittag nicht erwartet hätte. Die Napolitana, die ich am Vortag im kleinen Lebensmittelmarkt gekauft habe, reicht mir völlig. Ich nehme mir ein Ei für unterwegs und einen Kaffee. So richtig Frühstückslaune mag nicht aufkommen. Ich kaue schweigend und betrachte all das ganze Messiezeugs und die vielen schlechten Bilder an der Wand. Ein Bild kopiert da Vincis „Abendmahl“. Einer der Jünger ist mit dem Gesicht von Ex-König Juan Carlos I dargestellt; es könnte auch der Bruder unseres spanischen Mitpilgers sein.

Ich beeile mich, an die frische Luft zu kommen. Einer der Helfer lauert mir draußen vor der Tür auf und bittet mich um einen Euro für eine Cola. Ich habe den Verdacht, dass er jeden hier anpumpen wird, der das Haus verlässt. Das wird sich am Abend bestätigen. Aber ich gebe ihm den Euro gerne. Soll er sich den Luxus einer Cola leisten. Nur den Rucksack hätte ich dafür nicht so gerne abgesetzt.

Der heutige Tag verspricht großartig zu werden. Ich laufe mitten hinein in einen grandiosen Sonnenaufgang, dessen Licht durch Nebelschwaden gebrochen wird. Rundherum muht, quakt, grunzt und vibriert die erwachende Natur. Die Vögel legen die Melodie darüber und ich lache vor Glück und fange trotz des schweren Rucksacks an zu hüpfen. Es gibt Tage, da kann kommen, was will. Da spürst Du das Gewicht nicht und es ist Dir leicht ums Herz. So einer ist heute. – Oder sagen wir besser: So einer ist heute früh.

Auf dem freien Feld begegnet mir eine Herde Kühe und ich verlangsame meinen Schritt, als ich realisiere, dass die Kälber durch den Weg von ihren Müttern abgeschnitten sind und sich ein Stier mitten auf meiner Route zwischen mich und die Kälber geschoben hat. Noch bin ich etwa fünfzig Meter entfernt, frage mich aber, ob der Stier mir hier wohl eine Chance gibt. Von der einfachen Beobachtung bis zu Besorgnis oder gar Panik ist es in der Regel nur ein kurzer Augenblick. Ich versuche so wenig wie möglich Aufsehen zu erregen. Und der Stier nimmt es ohnehin ganz gelassen. Auf eine irgendwie obskure Weise gibt der Stier den Kälbern die Richtung vor und bringt sie dazu, dass sie langsam zu ihren Müttern traben. Dann gibt er mir den Weg frei. Irgendwie fühle ich mich von dem mächtigen Tier und seinem klaren Auftritt ebenfalls beschützt und geleitet.

Allmählich steigt der Weg an, hinauf auf den 1150 Meter hohen Pass der Sierra de la Dueña. Kurz vor dem Santiago-Kreuz überholen mich – wie soll es anders sein – Anna und Arth und der Spanier. Der Spanier und ich sind wohl die einzigen, die die Aussicht vom Kreuz oben genießen. Ich lasse meinen Rucksack unterhalb des Kreuzes liegen, was ein wenig unvorsichtig ist, weil sich darin auch Geld und Ausweis befinden. Von oben hat man einen atemberaubenden Rundblick. Ich bin eine ganze Zeitlang allein da oben, der Spanier ist schon weg. Und als ich dann nach einiger Zeit mich endlich zum Abstieg wende, sehe ich den Spanier, der in der Zwischenzeit auf meine Sachen aufgepasst hat. Er winkt mir zum Abschied, als er sieht, dass ich jetzt wieder selber meinen Rucksack im Blick habe. So ist das oft auf dem Weg. Man braucht keine Worte für das Wesentliche. Ganz selbstverständlich gibt man aufeinander acht.

Die restlichen zwölf Kilometer verlaufen mal wieder sehr zäh an der Straße entlang. Weit vorne in der Ferne sehe ich Quinns rote Regenhülle über ihrem Rucksack leuchten. Sie zieht die Hülle bei jedem Wetter auf. Und sie läuft und läuft und läuft. Uneinholbar für mich.

In San Pedro gibt es ein schönes, familiengeführtes Landhotel. Der Familie gehört auch die auch die Pilger-Herberge. Allerdings gibt es kaum einen Zweifel, dass man hier Pilger, die sich nicht in das höherpreisige Landhotel einbuchen möchten, nicht besonders schätzt. Die Herberge ist heruntergekommen, die Küche besteht aus einem Wasserkocher. Ich organisiere Pappbecher von der Wirtin, die damit erst nach dem Hinweis auf den Wasserkocher rausrückt. Es gibt einen kleinen Lebensmittelladen am Ort, der aber kein Brot führt. Die Verkäuferin erklärt mir lebhaft den Weg zur Bäckerei und erklärt international bestens verständlich mit einem lautmalerischen „Dingdong“, dass man wohl klingeln muss, wenn die Läden unten sind. Und tatsächlich: Nach einmal Klingeln geht die Tür auf. Es gibt Napolitanas und Brot. Wer wollte sich auch das Leben durch zu viel Auswahl verkomplizieren.

Ich fühle mich heute trotzdem im Schlaraffenland angekommen.

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