Tag 8: Zafra – Villafranca de los Barros (29.05.2022)

An der Fußbekleidung scheiden sich auf dem Camino die Geister. Vielfach sieht man Pilger mit Trailrunning Schuhen, die sehr leicht und für den Sommer auf den langen Strecken sicher eine gute Option sind. Für mich sind sie allerdings keine Wahl. Meine Füße benötigen eine gute Unterstützung und dicke Sohlen. Außerdem neige ich dazu umzuknicken und trage deshalb lieber Wanderstiefel; womit ich schon von Weitem häufig als mutmaßlich Deutsche erkannt werde, weil es hierzulande im Unterschied zu anderen Breiten wohl einige Menschen gibt, die auch bei heißen Temperaturen unbeirrt in Stiefeln unterwegs sind. Gorazd, der gerne leichte Schuhe mag, schüttelt beim Anblick meiner Lowa-Stiefel bereits in den ersten Tagen den Kopf. Er glaubt, dass man sich in solch schweren Schuhen überhaupt erst richtig dicke Blasen läuft. Ich hingegen kann kaum fassen, dass man auf Dauer die rumpeligen Strecken der Via de la Plata auf so dünnen Sohlen wie den seinen zurücklegen kann.

Meine Füße fühlen sich von den Schotterpisten jetzt bereits täglich nach wenigen Kilometern schon ramponiert an. Meine Sehne am Innenknöchel fühlt sich ein wenig gereizt an, die Achillessehne nicht minder und meine Füße scheinen jetzt schon ihrer natürlichen Wölbung beraubt. Plattfuß. Seit Tagen denke ich jedesmal, wenn ich an einer Apotheke vorbeikomme darüber nach, was aus deren Sortiment mir möglicherweise helfen könnte. Sollte ich mir solche Kompressions-Wadensleeves besorgen, wie Gorazd sie trägt? Vielleicht könnte das meine gereizten Sehnen etwas unterstützen. Seit Tagen komme ich nicht wirklich dahinter, was ich brauche. Bis heute. Ich spüre förmlich, wie ich auf der holperigen Strecke bei jedem Schritt einknicke. Ganz klar: Mein Fuß braucht eine Stütze. Innerlich beginne ich zu fluchen, weil ich mich nicht besser vorbereitet habe. Wegen des drei Monate zurückliegenden Laufunfalls musste ich den Fuß sechs Wochen lang fixieren und passte natürlich in keinen Wanderschuh. Dann fand ich ewig lang keine leichten Wanderstiefel, die mir für die Tour geeignet schienen. Schließlich kaufte ich mir aus Verzweiflung ein Modell, das ich schon von früheren Touren kenne, Lowa Renegade. Aber meine Füße haben sich verändert, und den rechten der beiden Schuhe musste ich mir beim Schuster weiten lassen, damit ich nicht mit der Außenkante des kleinen Zehs anstoße. Dabei habe ich die Schuhe ja bereits zwei Nummern größer gekauft.

Weil sich einer der beiden Schuhe eng anfühlte und ich mich von meinen medizinischen Einlagen entwöhnt hatte – Stichwort: ich passte wegen der Fußorthese nicht hinein – habe ich die Einlagen zu Hause gelassen. Das bedauere ich an diesem Tag acht zutiefst.

Am frühen Morgen genieße ich das Laufen noch. Es ist ein wenig kühler geworden und auf dem Weg zum gerade mal auf 600 Metern liegenden Pass auf der Sierra de San Cristóbal umschließt mich der Morgennebel. Oben zieht es gewaltig, ich muss sogar eine leichte Windjacke überziehen, weil mich fröstelt. Mal was ganz Neues. Eine Zeitlang sieht es fast aus, als würde schlechtes Wetter aufziehen. Doch auf der anderen Seite des Passes beruhigt sich das Aufbrausen wieder und bereits zwanzig Minuten später tauche ich ein nach Los Santos de Maimona, dessen weißgetünchte Häuser so frisch wirken, dass ich fast versucht bin, eine der Hauswände zu berühren, um zu fühlen, ob die Farbe noch feucht ist.

Ich bin heute so zeitig aus Zafra gestartet, dass selbst das einzige Café am Platz, hier in Los Santos, noch geschlossen hat. Es ist Sonntagmorgen. Die feierfreudigen Spanier liegen vermutlich noch in den Federn. Es ist ja auch noch nicht einmal acht Uhr.

Hinter dem Ort reißt der Himmel auf, die Sonne presst sich mal wieder mit ihrer ganzen Härte hervor. Die Hoffnung auf eine Abkühlung ist nun auch zunichte.

Die Gegend erinnert mit ihren Weinplantagen, Oliven und der roten Erde an das Rioja. Links von der Straße grasen Schafe. Es ist ruhig und friedlich an diesem Morgen, die Landschaft weniger furchteinflößend als die karge Weite, die hinter mir liegt. Aber in mir tobt ein Sturm. Ich schelte mich, weil ich zu Hause die falschen Entscheidungen getroffen habe. Ich habe das Thema Einlagen auf die leichte Schulter genommen. Und jetzt bekomme ich die Quittung. Meine Füße sind so müde, dass ich viele Pausen benötige und sehr häufig meine Schuhe ausziehen muss. Doch was jammere ich? Wenigstens weiß ich jetzt, woran es mir fehlt. Meine Füße benötigen Stütze.

Kurz vor Villafranca holt mich Gorazd mal wieder ein. Kunststück. Ich werde ja immer langsamer. Wir fragen uns durch zur Herberge. Ich habe keine große Hoffnung, dass ich hier am Ort an einem Sonntag etwas für meine Füße tun kann. Aus dem Augenwinkel heraus nehme ich so eine Art chinesischen Basar wahr, der geöffnet zu sein scheint. Wenigstens werde ich hier Wasser kaufen können.

Unsere Unterkunft für heute ist eine private Herberge. Wir bekommen für unsere zwölf Euro hier nicht nur ein Bett und eine eingerichtete Küche geboten, sondern sogar noch ohne Aufpreis unsere Wäsche gewaschen und getrocknet.

Auf die Frage, wo man eventuell heute am Sonntag Plantillas (Einlegesohlen) kaufen könnte, ist unser Hospitalero nicht vorbereitet. Bedauernd schüttelt er den Kopf. Der Supermarkt sei ja heute geschlossen. Doch dann beginnen seine Augen mit einem Mal zu leuchten. Die Apotheke, so meint er, könnte so etwas haben. Und die hat heute auf. Natürlich ergreife ich den Strohhalm sofort und gehe die Straße zurück zur Apotheke. Und tatsächlich, haben sie eine kleine Auswahl an diversen Einlegesohlen. Mir ist es ganz egal, was ich kriegen kann. Alles scheint mir besser zu sein als das, was ich gerade habe. Ich bitte die Apothekerin, mir die Sohlen auf meine Größe zuzuschneiden. Sie verschwindet im Raum hinter der Ladentheke. Es dauert eine Ewigkeit, bis sie schließlich wieder herauskommt. Die Sohlen hat sie in eine Plastiktüte gepackt. Ich nehme sie heraus, um sie mir anzuschauen und bin entsetzt. Sie sind an der vorderen Spitze völlig ausgefranst, gerade so als wären sie mit einer völlig stumpfen Schere oder einem Messer malträtiert worden. Ganz ehrlich: Das hätte ich selber besser hinbekommen.

In der Unterkunft versuche ich, die Sache zu begradigen. Zum Glück hat der Hospitalero ein besseres Schneidewerkzeug für mich. Ich kürze, probiere, kürze und probiere, laufe auf und ab. Wieder und wieder. Mit Anpassung von Einlegesohlen habe ich bisher wirklich keine guten Erfahrungen gemacht. Absolut Blasen-verdächtig. Nach über einer Stunde bin ich endlich soweit, dass ich es morgen zumindest mal wagen kann. Aber ich traue der Sache nicht und erinnere mich wieder an den chinesischen Bazar. Ich gehe also nochmal zurück und kann mein Glück kaum fassen: Die haben tatsächlich Einlegesohlen. Nichts Dolles! Aber als Ersatz für die unsachgemäß gekürzten taugen sie allemal. Zur Sicherheit kaufe ich mir gleich noch zwei Absatzkeile zum Einlegen. Man kann ja nie wissen.

Die Absatzkeile und Einlegesohlen aus dem chinesischen Basar trage ich übrigens über die gesamte Via de la Plata und besitze sie noch immer. Vermutlich werden sie nie zum Einsatz kommen. Die original Lowa Werkssohlen lasse ich immerhin nach etwa weiteren 600 Kilometern in Spanien zurück.

Nun ja, Loslassen ist wahrlich nicht gerade eine meiner größten Qualitäten.

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