Tag 7: Calzadilla de los Barros – Zafra (28.05.2022)

Ich habe keine besonders ruhige Nacht allein in der Pilgerherberge von Calzadilla de los Barros. Draußen bellen die Hunde bis spät in die Nacht. Wenn nicht gerade ein Hund kläfft, schrecke ich von Geräuschen hoch, die sich anhören, als würde sich jemand an der Eingangstür zu schaffen machen. Ich träume wüstes Zeug und werde ein ums andere Mal von meinen eigenen Dämonen aus dem Schlaf gerissen. Was man doch für Gespenster mit sich herum schleppt!

Ich stelle mir so gut wie nie einen Wecker auf dem Camino. Aber für heute habe ich es getan, weil ich die ganze Herberge für mich habe und deshalb keine Chance besteht, dass ich von den kaum vermeidbaren Packgeräuschen meiner Mitpilger wach werde. Es ist immer wieder erstaunlich, wie selbstverständlich man in einem dunklen Schlafsaal wahrnimmt, dass irgendwo am anderen Ende jemand kurz davor ist, sich leise davonzustehlen. Man entwickelt ganz automatisch einen siebten Sinn dafür.

Um zwanzig nach sechs Uhr trete ich in den noch dunklen Morgen, der aber schon andeutungsweise mit seiner tiefblauen Farbe den nahenden heißen Sonnentag verrät. Auf dem Weg aus dem Ort hinaus begleitet mich das wütende, heißere Bellen eines Hundes. Ich bekomme ihn nicht zu sehen und hoffe nur, dass er an der Leine oder hinter Gittern sitzt.

Zum ersten Mal, seit ich auf der Via unterwegs bin, riecht es gut. Es duftet nach blühendem Ginster. Als sich das Aroma in mein Bewusstsein schlängelt, bemerke ich erstaunt, wie unangenehm bislang die Gerüche des Morgens waren. Meistens riecht es eher nach Landwirtschaft, irgendwie verbraucht, verfault oder verwest. Ich habe bisher den morgendlichen Duft von feuchtem Gras vermisst. Kein Wunder, so trocken wie es hier ist.

Sobald mich der erste Sonnenstrahl trifft, wird klar: Heute wird es wieder besonders heiß. Mein Blick folgt meinem langen Schatten und augenblicklich verschmelzen meine Gedanken mit dem dunklen Zwilling. Mit dem Schatten ist es nämlich auf der Via de la Plata ganz anders als auf dem Camino Francés, auf dem man morgens den Schatten vor sich hat und ihn nachmittags hinter sich lässt. Auf der Via kommt die Sonne entweder von rechts oder von links. So wandert der Pilgerschatten von links nach rechts, so dass man ihn den ganzen Tag vor sich hat. Irgendwie passt das zu diesem anstrengenden Weg in dieser unwirtlichen Gegend mit ihrer herben Schönheit. Ich hab’s ja so gewollt. Unwillkürlich grinse ich ein bisschen in mich hinein. Es gibt sonst wohl nichts zu denken nach einer Woche unterwegs.

Heute begegnet mir den ganzen Tag über niemand. Ich wandere über Hügel mit braun verdorrtem Gras, passiere einen Bach und vermeide die Trittsteine, die mir zu anstrengend sind – und wohl nicht nur mir, denn daneben hat sich durch hohes Schilfgras ein Trampelpfad gebildet, auf dem ich trockenen Fußes irgendwie übersetzen kann. Ich weiß bis heute nicht, wie ich drüber gekommen bin, weil ich durch das hohe Gras völlig die Orientierung verliere. Auf jeden Fall lasse ich das Wasser hinter mir. Nun ja. Es war eigentlich nur eine tiefere Pfütze.

In Puebla de Sancho Pérez gönne ich mir eine kurze Pause bei einem Café con Leche. Von hier aus ist es nur noch eine Dreiviertelstunde bis Zafra. Während ich raste, ziehe ich Schuhe und Strümpfe aus, um sie in der Sonne ein wenig zu trocknen und bemerke beim Inspizieren meiner Füße eine kleine beginnende Blase. Nichts Wildes. Ich klebe erst einmal ein bisschen Tape drüber. Dennoch: Ich überlege ernsthaft, ob die festen Wanderstiefel und Wollsocken wirklich die gute Ausrüstung sind. Die Wanderstiefel, da bin ich mir sicher, werde ich niemals gegen Halbschuhe eintauschen. Aber ich sollte bald mal nach guten Wandersocken aus Coolmax-Material Ausschau halten. Eigentlich hätte ich solche zu Hause gehabt, hatte mich in denen aber nicht wohl gefühlt, weil mir die Sohlen gebrannt haben. Ich weiß aber, dass es tolle spanische Socken gibt. Meine Falke Wollsocken werden es ohnehin nicht lang machen. Ich habe bereits nach einer Woche bereits eine dünne Stelle am linken großen Zeh. Ein ewiges Trauerspiel.

In Zafra bin ich heute die erste Pilgerin in der Albergue Van Gogh. Antonio, der Hospitalero, begrüßt mich sehr freundlich und zuvorkommend in dem Altbau mit künstlerischem Ambiente. Die verwelkten Blumen, die überall in Gläsern vor sich hingammeln, wirken allerdings etwas trostlos. Ich bekomme ein Kännchen Tee und Kekse zur Begrüßung und darf das Badezimmer oben neben der Dachterrasse nutzen und auch dort waschen und meine Wäsche trocknen. Andere Pilger, die nach mir ankommen, dürfen das nicht. Irgendwie seltsam. Ob wir die Küche nutzen dürfen, ist auch unklar, denn sie gehört zum privaten Bereich von Antonio. Später, als die Herberge sich füllt, schließt er die Tür, und ist dann für Stunden nicht erreichbar. Kein Mensch weiß, ob er da ist oder nicht. Na prima! An meine Wäsche komme ich jetzt auch nicht mehr.

Glücklicherweise hängt im Hausflur eine Telefonnummer, die man anrufen kann, wenn man Antonio nicht erreicht. Die Frau am anderen Ende, weiß schon Bescheid, bevor ich überhaupt ausgesprochen habe. Sie sagt sie kümmert sich. Nach einer Weile kommt Antonio leicht bekleidet an die Tür zu seinen Privaträumen und öffnet mir wortlos die Tür, damit ich auf der Dachterrasse an meine Wäsche komme. Er sieht verschlafen aus, hat wohl Siesta gemacht. Es tut mir irgendwie leid. Dennoch bin ich froh, dass ich meine Sachen wieder habe.

Später schaue ich mir gemeinsam mit Pilger Gorazd aus Slowenien die Stadt an. Zafra ist ein wirklich schönes Städtchen mit kleinen Gässchen, einer Plaza Grande mit Arcaden und Palmen. Südliches Flair und ein bisschen Dolce Vita. Nach Abenden in wenig belebten Dörfern genau die richtige Umgebung. Ich habe in der Herberge fast wieder so etwas wie ein eigenes Zimmer, wenn auch zum restlichen Schlafsaal nur durch eine Glastür getrennt. Die Schnarcher bleiben so schon mal draußen.

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