Welch eine Freiheit!

„Warum musst Du denn unbedingt nochmal so lange auf den Jakobsweg? Du warst doch erst zwei Wochen unterwegs? Reicht das nicht? Und warum denn nun wieder allein?“ – Das hat mich eine Freundin kürzlich gefragt. Ich konnte ihr nicht sofort eine Antwort darauf geben, sondern fragte mich selber, ob es denn scheinbar für mich immer mehr sein muss als für andere. Ja, wirklich. Ich bin so ein Charakter. Ich brauche von allem meistens ziemlich viel.

Was also ist für mich der Unterschied, zwischen zwei Wochen Pilgerweg in Begleitung und fünf bis sechs Wochen Pilgerweg alleine? Auch wenn ich nicht auf alles gleich eine Antwort parat habe: In einem Punkt liegt die Sache für mich auf der Hand.

Es heißt ja, man nehme sich immer selber mit, wenn man Ortswechsel vornimmt. Im allgemeinen würde ich das unterschreiben. Ich habe in meinem Leben schon so einige Orts- und Richtungswechsel vorgenommen. Und immer wieder bin ich aufgrund persönlicher Eigenschaften und sozialer Zusammenhänge letztlich wieder in die gleiche Umlaufbahn geraten. Man könnte auch sagen – für die, die das Medium noch kennen: Die Nadel meiner Platte hing immer in der gleichen Rille fest.

Ganz anders auf meiner sechswöchigen Auszeit allein auf dem Camino Francés vor vier Jahren. Zwar nahm ich alles, was mich rein äußerlich ausmacht, erst einmal mit auf den Weg und war schon beinahe dabei, wieder in der eben erwähnten tiefen Rille stecken zu bleiben. Doch dann besann ich mich eines Besseren, hoppste fröhlich aus dem selbstgewählten Graben und ließ das Altbekannte hinter mir. (Woher ich plötzlich den Mut nahm, weiß ich bis heute nicht. Aber da war ich wohl vermutlich nicht allein am Werk.)

Mal was anderes ausprobieren. Das konnte ich, weil ich – allein auf dem Weg – für alle erst einmal ein unbeschriebenes Blatt bin: Keiner kennt mich, niemand weiß, woher ich komme; niemand weiß, wie alt ich bin, ob ich verheiratet bin, ob ich Kinder habe, ob ich arbeite und wenn ja, was genau ich tue, um mein Geld zu verdienen. Niemand weiß, wann ich gewohnheitsmäßig unwirsch werde oder ob ich morgens im allgemeinen schlecht gelaunt aus dem Bett aufsteige. Ja, wirklich, ich finde, es kann äußerst hinderlich für die Entwicklung sein, wenn die Umgebung – wenn auch aufgrund noch so guter Absichten – in manchen Situationen erst einmal rücksichtsvoll einen Bogen um dich macht.

Ich bin also völlig frei, mich außerhalb meiner selbstauferlegten Rollen zu bewegen und kann somit auch erst einmal ganz anders handeln, als man es von mir gewohnt ist. Und dennoch sieht mich keiner verwundert an, weil er mich nicht mehr wieder erkennt. Was für eine Freiheit!

Wenn diese Freiheit dann auch noch über einen Zeitraum von fünf bis sechs Wochen gelebt wird, dann geschieht das, was man oft vorher selber für völlig unmöglich gehalten hat: Man wird tatsächlich ein anderer Mensch. Nicht in allen Facetten. Aber es geschieht etwas, das uns transformiert und uns der gewohnten Umgebung zu Hause in mancher Hinsicht erst einmal fremd erscheinen lässt. Das weiße Blatt Papier, das wir waren, als wir uns allein auf den Weg gemacht haben, hat sich mit einer neuen Geschichte beschreiben lassen.

Das ist für mich das wirkliche Wunder des Pilgerwegs.

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