Vom Wege gehen und erinnern

Das Gehen hat mich schon immer fasziniert. Bereits als Kind zog ich meine Kreise rund um unseren Wohnort. Dabei machte ich mir damals erst dann Gedanken über die Wege an sich, wenn der feuchte Lehmboden sich quatschend und schmatzend um die Halbschuhe legte, die für solch eine Bodenbeschaffenheit nicht vorgesehen waren. Aber die Gummistiefel standen zu Hause, und meine kindliche Unerfahrenheit führte ich mich immer wieder in die buchstäbliche Patsche, die regelmäßig in einem abendlichen Donnerwetter ihren Tiefpunkt fand.

Ich habe in meinem Leben schon an vielen verschiedenen Orten Wege beschritten. Bei manchen davon ließ ich mich einfach neugierig treiben, war verzaubert vom ständigen Perspektivwechsel, von verschlungenen Pfaden, verwachsenen Verstecken, die ungeahnt plötzlich den Blick in die Ferne freigaben und mich von meiner kleinen Ichbezogenheit in das große Ganze warfen, woraus ich dann Kraft für die Lösung meiner kleinen inneren Konflikte zog.

Viele meiner kindlichen und auch meiner erwachsenen Wege sind auf seltsame Weise in Wehmut, Sehnsucht und Traurigkeit getaucht. Die Stimmung, in der ich die Wege beschritten habe, wird jäh wieder zum Leben erweckt, sobald ich meine Füße auf diese Teile der Welt setze. Manchmal mache ich das absichtlich, und zuweilen wünsche ich mir, ich hätte meine Schritte in eine andere Richtung gelenkt.

Es gibt hier im Hochtaunuskreis Wege, die für alle Zeiten mit einem Gefühl der Einsamkeit verbunden zu sein scheinen. Es sind Spaziergänge, die ich hier oft allein unternommen habe, als ich neu in der Gegend war und noch niemanden kannte. Ich hüte mich, sie sonntags allein zu gehen, denn meistens ist das der Beginn eines sich schräge entwickelnden Ruhetags, der eigentlich wenige Stunden zuvor ganz wunderbar begonnen hat. Es gibt die Strecken, die ich täglich während einer kurzen Phase der Arbeitslosigkeit gegangen bin, und die mich seinerzeit mit einer neugierigen Lust die Welt haben erkunden lassen. Hier komme ich gerne her, wenn ich auf der Suche nach Inspiration bin. Es gibt die Pfade des Verliebtseins, die mich mit Melancholie erfüllen, wenn ich sie heute allein beschreite.

Wenn mich die Schwermut auf dem Spazierweg einholt, frage ich mich manchmal, ob ich denn zeitlebens beim Spazierengehen immer so traurig gewesen bin. Und tatsächlich erinnere ich mich an mehr bedrückte Momente als die Lust an der Gegenwärtigkeit und an überschäumende Lebensfreude.

Vielleicht zieht es mich deshalb inzwischen mehr auf neue, unbekannte Wege, die sich wie ein unbeschriebenes Blatt vor mir ausrollen. Dann wird mein Abenteuergeist geweckt, und mein sicherer Instinkt für die lichtvollen Momente weist mir den Weg. Pilgerwege sind mir deshalb so wichtig geworden, weil ich als Pilgerin ganz bewusst alles hinter mir lasse, sozusagen ein leeres Gefäß bin auf einem Weg, der alle Möglichkeiten offen lässt. Das ist Pilgern für mich: das Vergangene vergangen sein lassen, neu beginnen, mit unbekanntem Ende. Welch eine Freiheit!

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