Vom Fragen stellen und Antworten bekommen

Vor einigen Jahren steckte ich ziemlich fest in einem Leben, das mir fad geworden war. Ich hatte zwar Freunde und mein Auskommen in einem Beruf, den ich auch heute noch mag. Dennoch war ich unzufrieden, gelangweilt. Und im Grunde fühlte ich mich einsam und abgeschnitten. Und ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich von dort aus weitergehen sollte. Ich fühlte mich in der Falle und sah keinen Ausweg mehr.

Zu dieser Zeit entschloss ich mich, mit einem für mich bedeutsamen Mantra über meinen weiteren Weg zu meditieren. Jeden Morgen saß ich auf meiner Matte, um dieses Mantra über immer den gleichen Zeitraum zu rezitieren. Eine weitere Wiederholung in einem Tagesablauf, der mich doch mit seinen vielen ewig gleichen Abläufen so langweilte. Und dennoch: Diese Zeit auf meinem Meditationskissen fühlte sich anders an, denn in dieser Zeit musste ich nicht nach außen funktionieren, sondern konnte tief in mich hinein horchen.

Wie stellt man Fragen an eine Instanz, die man noch nicht einmal benennen kann? Nun, als erstes braucht man Vertrauen. Vertrauen in die Technik. In diesem besonderen Fall vertraute ich darauf, dass das Mantra einen Prozess anstoßen würde, der mich einer Antwort zumindest näher bringt. Wie dieser Prozess im einzelnen funktioniert, kann ich auch heute nicht wirklich nachvollziehen. In groben Zügen würde ich es so beschreiben: Die fortwährende Wiederholung eines Mantras bzw. des Klangs erzeugt eine rhythmische Schwingung und unterbricht das reflektierende Denken. Während ich mich dem Mantra hingebe, verwickle ich mich nicht mehr in die auftauchenden Gedankenfetzen und Bilder. Der Klang trägt mich auf seinen Schwingen in eine Sphäre, in der Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen. Und genau dort kann Erkenntnis stattfinden.

Ein bisschen ähnlich ist das, wenn ich auf dem Pilgerweg einen Fuß vor den anderen setze und mich nicht darum kümmere, woher ich komme und wann ich am Ziel sein werde. Das Unterwegssein selbst ist es, das mich genau in den Raum führt, den ich in der Meditation aufsuche.

Aber zurück auf mein Meditationskissen und meine Suche nach einem Ausweg. Eines Morgens während der Meditation stand auf einmal der Gedanke im Raum: „Du kannst doch vier Wochen unbezahlten Urlaub nehmen. Wenn du dann noch weitere vier Wochen regulären Urlaub nimmst, dann hast du acht Wochen Zeit. In dieser Zeit kannst du den Camino Francés von St. Jean-Pied-de-Port bis Santiago gehen. Allein.“

Dazu muss man wissen, dass ich zehn Jahre zuvor zum ersten Mal in Santiago de Compostela angekommen war und seither wirklich keinen Gedanken daran verschwendet hatte, während der Jahre meiner Berufstätigkeit wieder durch Spanien zu pilgern. Geschweige denn allein. Das alles hatte ich immer auf einen ungewissen Tag „X“ verschoben, an dem ich keine beruflichen Verpflichtungen mehr hätte. Der Gedanke, den Camino Francés jetzt am Stück und allein zu gehen, traf mich also völlig unvorbereitet. Und er kam nicht als eine Art Vorschlag daher, sondern eher als ein Befehl – wenn auch ein freundlicher. Und es war mir völlig klar, dass dies hier ein ganz heiliger und bedeutsamer Moment war.

Es heißt ja, im Gebet sprechen wir zu Gott und in der Meditation spricht Gott zu uns. Ich würde gar nicht so weit gehen, dem Urheber dieser Stimme einen Stempel aufzudrücken. Es ist auch nicht wichtig, wie wir das nennen. Wichtig ist nur, dass wir dieser Stimme vertrauen lernen. Denn sie gibt uns Orientierung und das Bewusstsein, dass wir in jeder Situation gehalten sind.

Wann immer ich also nicht mehr weiter weiß, nehme ich mir die Zeit und sitze auf meinem Kissen. Solange, bis ich eine Antwort bekomme. Das kann mal mehr oder weniger lang dauern. Aber wenn die Antwort kommt, dann bin ich bereit zu gehen.

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