Wer weggeht kommt zurück …. oder?

Als ich vor drei Jahren meine längere Pilgerreise von St. Jean-Pied-de-Port nach Santiago und Finisterre geplant habe, war einer der größten Impulse die Unzufriedenheit mit meinem Leben und meinem Dasein. Damals habe ich so ziemlich alles in Frage gestellt, was mich ausmachte. Ich fühlte mich abgeschnitten von meiner Familie, von Freunden, mein Beruf machte mir keine rechte Freude mehr. Ich fühlte mich einsam. Und ich wusste: Es muss etwas passieren.

Davonlaufen war etwas, das ich in meinen jüngeren Jahren schon praktiziert hatte. Nun wusste ich wohl, dass man sich ja immer mitnimmt und vor sich selbst nicht davonlaufen kann. Und trotzdem war da so eine Sehnsucht, irgendwo unterwegs das Glück zu finden und gar nicht mehr zurückzukommen. Doch während der Tag der Abreise näher rückte, tauchten plötzlich lange vermisste Freunde wieder aus der Versenkung auf und erinnerten mich daran, dass ich nicht davonlaufen konnte. Auf einmal stand fest: Genauso wie ich als Pilgerin mutig hinausgehe in die Welt und mich einem Gefühl des Fremdseins aussetze – das mir, nebenbei bemerkt, gar nicht so fremd war – genauso habe ich die Aufgabe, auch wieder nach Hause zurückzukehren.

Heutzutage nehmen sich – oft aufgrund beruflicher oder sonstiger Zwänge – die wenigsten Pilger die Zeit, den ganzen Weg wieder nach Hause zurückzugehen. Bei Jakobswegen, die immer nur in Richtung Santiago mit dem Muschelzeichen oder gelben Pfeil markiert sind, ist dies auch ein wirklich schwieriges Unterfangen. Ja, es könnte sogar noch befremdlicher sein, wieder nach Hause zurückzugehen als immer vorwärts auf Santiago zuzugehen.

Jeder, der schon einmal an einem fremden Ort spazieren gegangen ist, weiß, wie anders die Umgebung sich plötzlich zeigt, wenn man den Rückweg antritt. Wir sehen den Weg auf einmal aus einem anderen, ungewohnten Blickwinkel. Wenn man sich nicht einige markante Punkte gemerkt hat, wird es schwierig. Man wird sich unsicher. Man fühlt sich fremd. Man beginnt zu zweifeln. Auf dem Jakobsweg kommt dazu noch ein weiteres Phänomen. Auf dem Hinweg haben wir uns vielleicht mit einigen Weggefährten zusammengetan, haben Freunde gefunden, Vertraute. Menschen, die uns dort draußen in der weiten Welt ein wenig Sicherheit gaben, wo wir doch nur mit dem Allernötigsten ausgerüstet waren. Und nun laufen wir auf einmal entgegen dem Strom. Wir gehen allein. Und die Begegnungen mit einem anderen Menschen dauern nur wenige Augenblicke oder bestenfalls einen Abend lang.

Hinzu kommt, dass wir auf dem Hinweg möglicherweise Erfahrungen gemacht haben, die uns mit unseren Schattenthemen in Berührung gebracht haben. Solange wir immer Richtung Westen gegangen sind, haben wir sie vielleicht sogar überwunden geglaubt. Das Zuhause und damit der ganz normale Alltag war ja tausende von Kilometern entfernt. 

Jeder, der den Hinweg gegangen ist, kennt die Bedenken, ob man sich wohl den neuen Blickwinkel, die andere Sicht auf die Dinge in der gewohnten Umgebung bei all der Komplexität des Alltags auch bewahren kann. Ich jedenfalls, hatte in Finisterre mächtig Schiss davor, wieder nach Hause zurückzukehren. Und ich habe damals ganz in dem Sinne gehandelt, der mir leider sonst auch eigen ist: Augen zu und durch! Will heißen: Ich habe mich in Santiago in den Flieger gesetzt, einen Direktflug nach Hause mit der Lufthansa, und bumm: Zwei Stunden später stieg ich in Frankfurt am Main aus dem Flugzeug und traute meinen Augen nicht. Es hatte sich nichts verändert. Gar nichts. Und für einen Moment schien es mir, als hätte ich in der Zeit zwischen meiner Abreise und dem Zeitpunkt meiner Rückkehr gerade mal mit den Augen geblinzelt. 

Seit dieser Zeit fühle ich mich manchmal immer noch auf dem Weg. Ich habe Sehnsucht nach dem Gefühl des Weggehens, der Unbeschwertheit. Das Gehen in Richtung Westen ist für mich zum Synonym für Freiheit geworden. Doch das „gelobte Land“ habe ich dort nicht gefunden. Sicher habe ich dort auf dem Weg einiges wieder ausgegraben, das lange verschüttet war: Mitgefühl nicht nur für andere, sondern auch für mich selbst. Das unerschütterliche Vertrauen, dass es immer weitergeht. Ebenso unerschütterliches Vertrauen in mich selbst und meine Ressourcen. Und das Wissen darum, dass gemeinsam alles sehr viel leichter ist. Und so vieles andere. Ist mein Pilgerweg also ohne den Rückweg vergebens gewesen? – Sicher nicht.

Doch ich gäbe viel um die Erfahrung des Zurückgehens. Denn eine wirkliche Lern-Erfahrung ohne Handlung gibt es nicht. So ist es meine Absicht, irgendwann – möglicherweise nach dem Eintritt ins Rentenalter – den ganzen Weg hin- und auch wieder zurückzugehen. Von Deutschland nach Santiago und Finisterre und zurück.

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