Von Stedten nach Schmira

In der Nacht kommt der Regen. Gut so. Die Temperaturen kühlen um zehn Grad ab und das Wasser, das jetzt runterkommt, bleibt uns am nächsten Morgen erspart. 

Wir verabschieden uns von unseren vier Mitpilgern. Jan wird auf seinem Rad bald über alle Berge sein. Elke aus Brandenburg wird heute von ihrem Mann in Erfurt für die Heimreise aufgesammelt. Annett und Leontine möchten eine Station hinter Erfurt, in Schmira, übernachten. Bernd und ich wollen in Erfurt eine Unterkunft finden. 

Der Regen hat aufgehört. Zumindest das Wetter spielt heute mit. Aber ich spüre schon bald, dass sich schwer um meine Beine legt, was ich als Drei-Tages-Krise bezeichne. Das Gefühlvon Bleiklötzen an den Füßen, das sich immer nach den ersten drei Tagen einstellt. Ich fühle mich müde und gehe mechanisch vorwärts, so als schliefe ich noch halb.

In Ottmannshausen dröhnt plötzlich die DDR-Hymne aus einem Haus. „Auferstanden aus Ruinen…“. Drinnen steht feixend ein Mann, der sich über meine verdutzte Reaktion freut. Er öffnet das Fenster.  – Das allerdings ist eine Überraschung, weil die Menschen hier in Sachsen-Anhalt sich mit uns bisher nur durch geschlossene Fenster unterhalten haben. – „Kennt Ihr das noch?“ – Ja, natürlich kennen wir das noch. – Es stellt sich heraus, dass er der Hausmeister der Stedter Kirche ist, wo wir die letzte Nacht verbracht haben. Heute früh hat er schon fünf oder sechs Pilger gezählt. Nun, wir wissen ganz genau, wen er meint. Wir waren ja alle in der Stedter Kirche.

Der Weg geht heute erst einmal durch die Felder, und durch einen Hohlweg, von dem man dann und wann weite Ausblicke über das Land hat. Unglaublich, wie weit man hier gucken kann! Ich frage mich, warum in dieser Weite die Menschen so gar nichts davon nach außen reflektieren. Überall hohe Zäune und Tore, kein Mensch auf der Straße. Aber das sichere Gefühl, das man vom geschützten Ort hinter den Fenstern beobachtet wird.

In Hottelstedt wartet eine Rentnerin auf das Bäckerauto. Darauf ist sie angewiesen. Die Nachbarn würden ihr auch was mitbringen, sagt sie, aber dann käme irgendwann nicht mal mehr das Bäckerauto, wenn keiner was kauft. Und was soll sie dann machen, wenn die Nachbarn in Urlaub sind. 

In Ollendorf hoffe ich schon auf einen Laden. Den gibt es auch. Er hat aber am Samstagmorgen nur bis 11 Uhr geöffnet. Jetzt ist es 11:15 Uhr und – um ehrlich zu sein: Der Laden sieht nicht so aus als hätte er in den letzten drei Jahren geöffnet gehabt. Aber ich kann mich auch täuschen. 

In Kleinmölsen schickt uns die Muschel den Berg hinauf. Wie wir etwa eine Dreiviertelstunde später feststellen, beschert uns das etwa einen Umweg von drei Kilometern über einen Bergrücken mit Windpark, bei entsprechenden Windverhältnissen. 

Überhaupt passen die Kilometerangaben heute mal wieder überhaupt nicht, Umweg hin oder her. Wir haben vor Kerspleben schon einundzwanzig Kilometer auf der Uhr und von hier sind es noch sieben Kilometer bis in die Erfurter Innenstadt. Eigentlich hatten wir für den ganzen Tag nur einundzwanzig eingeplant.

Am Stadtrand von Erfurt haben wir endgültig die Nase voll und gönnen uns für die nächsten vier Kilometer ein Strassenbahnticket. 

Übernachten in Erfurt ist teuer, außerdem haben wir Bedenken, ob wir die Etappe morgen nach Gotha schaffen. Also beschließen wir, weitere fünf Kilometer dranzuhängen, die uns morgen erspart bleiben. Weitere achtzig Euro für ein Zimmer im Hostel bleiben uns auch erspart. Außerdem treffen wir nun doch noch einmal Annett und Leontine, mit denen wir uns heute einen Bibliotheksraum in der Kirche von Schmira teilen. Die Herbergswirtin spendiert uns sogar noch ein Willkommensbier. Nun sitzen wir draußen im Kirchgarten bei alten Steinen, schauen den Mond an und genießen die Dorfruhe. 

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