Die Krise meistern (VIII) – Herz über Kopf

Eigentlich- so war es geplant- sollte dies eine siebenteilige Serie werden. Doch wir wissen es alle: Wir sind noch längst nicht durch, sind immer noch im Ausnahmezustand, auch wenn die meisten Geschäfte schon wieder öffnen. Und eigentlich, so glaube ich, fängt meine ganz persönliche Krise gerade erst an. Ich war schon immer ein Spätzünder. Und so habe ich auch diesmal anfangs noch Ruhe bewahrt, konnte dem Corona-Stillstand durchaus was abgewinnen. Doch allmählich kriechen Frust und Langeweile in mir hoch.

Ich glaube, am schlimmsten für mich persönlch war bisher die Tatsache, dass ich eine Reise absagen musste und mein Ersatzprogramm für die Reise – nämlich mit dem Auto nach Spanien zu fahren – auch nicht funktionieren wird. – Nun, man wird ja bescheidener. Ich malte mir also aus, ich könnte den Ökumenischen Pilgerweg von Görlitz im äußersten Osten der Republik nach Vacha an der hessisch-thüringischen Grenze gehen. In drei Wochen wäre das zu schaffen. Doch auch diese Hoffnung schwindet allmählich und ich fürchte mich vor dem Tag, an dem ich meinen Jahresurlaub antreten muss. Ohne Perspektive.

Ich geb es zu, ich würde gerne mal wieder zum Friseur gehen, und mich überkommt Panik beim Gedanken an den Ansturm, den die Friseurgeschäfte in zwei Wochen bewältigen müssen. Besser, ich trage eine Zeitlang Turban. Das wollte ich eh schon immer mal, auch außerhalb meiner Yoga-Aktivitäten, und hab mich nur selten getraut.

Ich weiß, angesichts der Lage mögen diese Gedanken lächerlich erscheinen. Doch für mich drücken sie vor allem eins aus: den Wunsch nach Normalität.

Gestern Nachmittag bin ich durch die Fußgängerzone gegangen. An einem alltäglichen Wochentag zieht es mich dort nach der Arbeit eher nicht hin. Aber ich musste mir nach der Arbeit und dem langem Sitzen am Computer dringend die Beine vertreten, und das kleine spanische „Café del Castillo“ lockte mit einem Café von Leche. Seit ich auf dem Camino war, ist Café con Leche für mich der Inbegriff von Wohlgefühl und Geborgenheit. Ich gönnte mir also, Masken-bewehrt, einen Café To Go und ging damit schnurstracks in unserer feinen „Confiserie Heller“ noch ein paar leckere Sahnetrüffel besorgen, bekam vom freundlichen Verkäufer noch einen dazu geschenkt auf die Hand und zerbiss noch im Hinausgehen krachend die dunkle Schokohülle, um mit der Zunge auf den weichen zartbraunen Schmelz zu treffen. Und um das Erlebnis vollständig zu machen, setzte ich mich auf eine Bank in der Sonne, gerade mal zwei Fußminuten von meiner Haustür entfernt, und gönnte mir noch drei weitere Pralinen zum köstlichsten Café von Leche – für heute. Das „für heute“ hab ich geklaut von meinem Camino-Freund Keith und muss dabei unwillkürlich lächeln.

Heute habe ich zum ersten Mal das wieder eröffnete Teegeschäft in unserer Fußgängerzone besucht. Es heißt jetzt „Teezeit“ und ist nach der Übernahme vom Vorbesitzer und Renovierung sehr schön und hell geworden. Ich hatte einen ganz bestimmten Wunsch und die Hoffnung, dass das Sortiment noch nicht vollständig verändert wurde. Denn am allerletzten Tag vor der Übergabe habe ich einen wundervollen chinesischen Grüntee dort gekauft mit der wohlklingenden Bezeichnung „Der vergessene Garten“. Ich weiß nicht, ob mich der Name mehr angesprochen hat oder aber das sinnliche Geschmackserlebnis. Auf jeden Fall aber hatte ich bei meinem Besuch das Bedürfnis, mich mit der neuen Besitzerin zu unterhalten. Weil der Laden jetzt so offen und weitläufig ist, wagte ich mich sogar ohne Maske und Handschuhe hinein. Für einen ersten Besuch fand ich das auch geboten und weiß wohl, dass es ab nächster Woche nicht mehr möglich sein wird; dann herrscht Maskenpflicht in den Geschäften.

Ich frage mich, ob unsere Mimik auf Dauer einfrieren wird. Mir scheint auch, dass man mittlerweile immer mehr Menschen auf der Straße und draußen begegnet, die einem noch nicht einmal einen Augen-Blick schenken. Gerade so, als wäre allein die Kontaktaufnahme über Blicke ansteckend.

Ich bekam noch einen Tee angeboten, den ich leider nicht annehmen konnte, weil ich kurz darauf einen Telefontermin hatte. Also erstmal schnell wieder nach Hause an den Schreibtisch! Aber ich hab mich gefreut über die Einladung und ein andermal werde ich gerne noch ein paar Minuten bleiben.

Ja, das alles ist banal. Aber das Banale scheint im Moment das größte Glück zu sein, das mir vergönnt ist. Ich sauge alles auf, was meinem Dasein ein klein bisschen Freude beschert. Ich möchte es spüren und genießen. „Herz über Kopf“ ist zu meinem Mantra geworden für diese Zeit. Mein kleiner grüner Kompass. Er taucht immer wieder auf in meiner stillen Zeit am Morgen. Und ich gestehe mir zu, diese Serie so lange weiter zu führen, bis mein Herz sagt: „Jetzt ist es genug.“

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