Sturmhöhe – unterwegs von Gross-Gerau nach Guntersblum

Ganz ehrlich: Ich hätte mir diese Woche nicht gerade für eine Pilgertour ausgesucht. Aber ich habe nun mal in dieser Woche Urlaub geplant, weil man ja, wie es scheint, ohne lange Planung  nur noch tageweise weg kann. Dass ausgerechnet jetzt gerade auch Karneval ist, hab ich bei meinen Überlegungen glatt übersehen. Vermutlich auch deshalb, weil mir das Planen meiner Urlaubszeiten nicht ganz so liegt.

Kurz: Es ist mal wieder stürmisches Wetter angesagt, es ist Karneval und ich gehe das letzte Stück des Lutherwegs, drei Tagesetappen  von Trebur nach Worms.

Weil ich keine Freundin von komplizierten Anreisegeschichten bin, habe ich meine Ortskenntnis genutzt und mich in Gross-Gerau vom Zug ausspucken lassen. Die sieben Kilometer bis Trebur, so denke ich, pah: ein Pappenstiel! Grundsätzlich gar nicht verkehrt gedacht, aber da weiß ich auch noch nicht, dass der etwas kräftigere Wind, dem ich von Anfang an ausgesetzt bin, sich im weiteren zu heftigen Sturmböen formiert.

Also: Ich bin guter Dinge, komme auch ganz nett voran und genieße das Pilgern auf weitem Feld. Und das muss ich mal sagen: Das hessische Ried, das ich noch gar nicht so recht zu schätzen wusste, als ich vor 25 Jahren vom Saarland nach Hessen zog, scheint doch Spuren auf meiner Seele hinterlassen zu haben. Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, als alles noch ganz einfach zu sein schien. Ich erinnere mich an meine zahlreichen Fahrradausflüge und ich bin sofort fast berauscht von der Weite, die von mehreren Höhenzügen eingerahmt wird: Taunus, Odenwald und Rheinterrassen.

Die Kirche von Trebur betrete ich nicht, um den Gottesdienst nicht zu stören. Anscheinend findet man dort die einzige Luther-Statue aus Holz und in Originalgrösse.

Nun ja, ich hab noch zwanzig Kilometer vor mir, also weiter.

Allmählich bewege ich mich in Richtung Rheinauen und kann auch schon bald Oppenheim sehen. Das ist mein heutiger Sehnsuchtsort, denn von dort aus sind es nur noch zehn Kilometer bis Guntersblum. Ich lande auf dem Deich und mir bleibt fast der Atem weg, weil die Sturmböen immer heftiger an mir reißen. Unkontrolliert stolpere ich vorwärts und sehe mich zuweilen schon bald wie ein Käfer auf dem Rücken liegen und zappeln.

Endlich darf ich den Deich verlassen, doch nun dreht der Wind und stemmt sich mir frontal entgegen. Das Getöse macht mich allmählich mürbe. Endlich ist Kornsand in Sicht, die Fähre nach Nierstein hinüber.

Kurz vor der Anlegestelle berührt mich ein Gedenkstein. Hier sind Ende März 1945 sechs Deutsche, fünf politisch missliebige Zivilisten und eine als vermeintliche Jüdin verfolgte Frau, von Wehrmachtssoldaten erschossen worden. Sowohl die Tat an sich als auch das Datum lassen mich beklemmt zurück. Die Tat ereignete sich offenbar kurz nach dem Rückzug deutscher Truppen auf das andere Rheinufer, während die amerikanischen Panzer auf den gegenüberliegenden Rheinterrassen schon zu sehen waren. Was für eine Tragödie!

Ich bin froh, dass ich mich auf der Fähre in eine Passagierkabine flüchten kann. Endlich mal für ein paar Minuten raus aus dem Wind. Just in diesem Moment ruft mich mein Gastgeber vom Domhof in Guntersblum für die Nacht an, um mit mir die Schlüsselübergabe zu klären. In Guntersblum ist heute Karnelvalsumzug und seine Familie ist da engagiert. Aber es ist für mich gesorgt und er reserviert auch gleich einen Tisch für mich, damit ich auch noch was zu essen bekomme.

Linksrheinisch hört der Wind erst einmal auf, an mir zu zerren. Ich gehe von Nierstein nach Oppenheim an der B9 entlang. Jetzt könnte ich auch in den Zug steigen, aber das lässt die Pilgerehre nicht zu. Während ich mich in Oppenheim durch die Altstadtgassen den Berg hinauf schraube, halte ich Ausschau nach einer Rastmöglichkeit. Mir wäre nach einer heißen Suppe. Doch hier im Ort schließen die Lokale für den Nachmittag, und mittlerweile ist es nach zwei Uhr nachmittags.

Eine kleine Pause ist mir in der Katharinenkirche vergönnt, in der Luther gebetet haben soll.

Der Weg von Oppenheim deckt sich von nun an mit dem Rheinterrassenweg. Meine Befürchtung wird bestätigt: Sobald ich den Ort verlasse, hat mich der starke Wind wieder fest im Griff. Oberhalb von Dienheim finde ich ein Plätzchen, das ein wenig geschützter ist, am Krötenbrunnen. Die sturmbewegten Bäume knarzen gefährlich über mir, trotzdem fühle ich mich hier sicher. Ich esse meinen letzten Proviant und tanke Kraft für die letzten acht Kilometer.

Der Blick zurück auf die Katharinenkirche in Oppenheim mit den Hochhaustürmen von Frankfurt im Hintergrund begleitet mich noch eine ganze Weile. Erst kurz vor Ludwigshöhe verliert sich die Aussicht. Ludwigshöhe ist ein vergleichsweise junger Ort, hat aber seine Wurzeln im merowingischen Rudelsheim. Das, wiederum, musste aufgrund der Überschwemmungen und Änderungen des Flussverlaufs umgesiedelt werden. Nur die Kirche wurde mitgenommen. Sie wurde nach dem pfälzischen Kurfürsten benannt.

Von hier ist es noch etwa eine knappe Stunde bis zu meinem Etappenziel. Der Weg führt nun wieder hinunter bis zur Straße, ich sehe den Ort schon zum Greifen nah, da will mich der Weg noch einmal hinaufführen zum Römerturm. Angeblich soll man von dort noch einmal einen schönen Blick auf Oppenheim haben. Ein bisschen missmutig denke ich mir, dass ich auf diese Aussicht nach dem langen Tag verzichten könnte. Trotzdem mühe ich mich pflichtbewusst noch einmal den Berg hinauf und werde mit einem abenteuerlichen Hohlweg belohnt. Die kleinen Erdrutsche allerdings machen mir bewusst, dass ich an diesem stürmischen Tag wohl ganz besonders beschützt war.

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