Camino-Momente

Camino-Momente. Das Wort fällt mir ein, während ich bei Sonnenaufgang von meinem Heimatort Oberursel ins nahe gelegene Örtchen Okarben fahre. Rauhreif liegt auf den Feldern, heute früh musste ich zum ersten Mal in diesem Jahr Eis von meiner Windschutzscheibe kratzen. In dem Moment, als mir das Wort „Camino-Momente“ einfällt, durchbricht ein goldener Leuchtschweif die ansonsten relativ dichte Wolkendecke an diesem ersten Advent-Morgen.

Vor zwei Wochen habe ich eine Ausbildung zur Pilgerleiterin auf dem Lutherweg beendet, gemeinsam mit zwanzig anderen Teilnehmern. Und nun möchte ich einige noch unbekannte Etappen des Weges entdecken. Ich habe keine große Erwartung an diese Etappe. Ich kenne die Gegend von zahllosen Fahrradtouren an der Nidda entlang und querfeldein Richtung Taunus. Die Landschaft in der Wetterau habe ich immer als etwas karg und kahl empfunden.

Doch die Weite passt zu meinem Vorhaben. Ich leide seit einiger Zeit unter Atemnot. Der Arzt sagte, dass Asthma in dem Alter plötzlich auftrete, sei ungewöhnlich. Aber irgendwann sei ja immer das erste Mal. Einer meiner „Mitstreiter“ bei der Ausbildung auf dem Lutherweg, selbst Betroffener, hat mir einen Psalm-Vers mitgegeben: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31,9). Dies neben einigen anderen sehr nützlichen Emfpehlungen.

Weiter Raum ist das, was die Pilgerin zwischen Okarben und Friedberg erwartet. Und damit genau das Richtige für meinen heutigen Pilgerweg, den ich mir geschenkt habe, weil die vergangenen drei Monate so anstrengend waren und mich atemlos zurückgelassen haben. Und noch ein Vorteil: Die Strecke verläuft immer unweit einer S-Bahn-Linie.

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Es ist kalt. Eine trockene Kälte. Sie lässt mich gut atmen. Ich versenke mich in den Atem, den Psalm-Vers und das Gehen. Der Boden ist noch gefroren, das Eis in den Pfützen zerbrechlich – wie das Leben zuweilen. Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf, wie immer, wenn ich alleine gehe. Ich weiß, dass in diesen Momenten Heilung geschieht. Sie sind mir heilig. Ich mag die zu Eis gewordenen Farben der Landschaft und die Kontrapunkte, die leuchtend rote Hagebutten und der vergessene Speierlingsapfel setzen.

Auf der Wiese eines größere Gehöfts steht ein Schild: „Waldhof Familie Schmidt, seit 1965“. Der Weg führt mich am Hof vorbei. Vor einem langgezogenen Gebäude stehen zwei rote Plastikstühle wie eine Einladung. Ich überlege noch, ob ich mich setzen soll, als es mich trifft wie ein Blitz. An der weißen Wand steht:

2019-12

Was soll ich dazu sagen? – Camino-Momente eben!

Den Rest des Weges bis Friedberg gehe ich mit diesem Geschenk im Rucksack.

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