Post-Camino: Ein bisschen Nomadenleben

Jedes Mal, wenn ich von einer Pilgerreise zurückkehre, geschieht etwas, das meine meist völlig zuverlässig funktionierende kleine Welt für einen Moment aus den Angeln hebt. So als würde ich einem Test unterzogen, ob ich irgendetwas beim Pilgern gelernt hätte.

Im vergangenen Jahr hatte mein seit sechs Wochen stillgelegtes Auto einen Motorschaden, den die Werkstatt kurzerhand und -zu meinem Leidwesen- ein wenig triumphierend zu einem wirtschaftlichen Totalschaden erklärte.

Diesmal muss ich wegen eines defekten Abflussrohrs für voraussichtlich drei Tage meine Wohnung verlassen. „It stinks“, sagt mein Freund Keith, womit er mehr recht hat, als er vermutlich ahnt. Das Haus kann nichts mehr verdauen, und vermutlich stecke ich in dieser Hinsicht auch fest. Die Erlebnisse der vergangenen Woche sind noch längst nicht verdaut.

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Zum Glück habe ich in den Wochen auf dem Camino wieder fleißig geübt, vertrauensvoll einen Schritt vor den anderen zu setzen, ohne mir so sinnlose Fragen zu stellen wie: Warum immer ich? Warum jetzt? All der ganze negative Quatsch scheint keine Option zu sein. Was stattdessen zählt, ist die Vorwärtsbewegung. 

Innerhalb kürzester Zeit habe ich über AirBnB ein schönes, helles Ausweichquartier gefunden, nur zwei Gehminuten von meiner eigenen Wohnung entfernt. Ich lerne meine Heimatstadt aus einem anderen Winkel zu betrachten. Und mein Aufenthalt hier fühlt sich fast an wie ein kleines Abenteuer, ein bisschen Urlaub von der Normalität. Urlaub von meinem Zuhause, das mir mit all den vielen Dingen darin zu voll und überfrachtet scheint. Meine Übergangsbleibe ist wunderbar leer. Hier kann ich mich ausdehnen und fühle mich direkt wohl. Und ganz nebenbei erfahre ich, dass meine Vermieterin auf Zeit auch ein Ferienhaus in Südfrankreich besitzt. Wenn das kein Wink des Schicksals ist.

Noch lustiger wäre es sicher, wenn mein Freund und Nachbar Thomas ebenso abenteuerlustig mit eingezogen wäre. Das hätte dann ein wenig etwas von Pyjama-Party. Aber das Vagabundenleben ist nicht sein Ding. Er schläft lieber im eigenen Bett. Er weiß ja gar nicht, was er verpasst. Das Gefühl von Freiheit, einer kleinen Auszeit inmitten eines arbeitsreichen Alltags. Ein bisschen Nomadenleben. Welch ein Geschenk!

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