Küstenwege

Tag 5: Unquera – Llanes (26 km)

Hinter der Brücke von Unquera geht es direkt steil bergauf. Genau das Richtige zum Wachwerden. Auf halber Höhe treffe ich Alex, einen spanischen Pilger aus Madrid, mit dem ich mich gestern in der Bar noch eine Weile unterhalten habe. Ich freue mich über die unverhoffte Abwechslung. Alex spricht sehr gut Englisch und teilt viel Wissen über sein Land mit mir.

Kantabrien haben wir bereits verlassen und wandern nun durch Asturien. Überall fallen mir herrschaftliche Häuser auf, im 19. Jahrhundert von Spaniern gebaut, die in der neuen Welt ihr Glück gemacht haben und zurückgekehrt sind. Hier sind diese Spanier bekannt als die „Indios“.

Nach etwa zwei Stunden Unterhaltung verabschiede ich mich in Buelna von Alex. Ich muss dringend meine Schuhe ausziehen und meinen Füßen eine Pause gönnen. Ich hoffe, wir treffen uns in Llanes wieder.

Der Camino ist heute sehr angenehm und bietet jede Menge schöne Ausblicke auf das Meer. Hinter Pendueles treffe ich ganz unverhofft auf einen einsamen Strand. Klar: Hier bleibe ich erst einmal und packe mein Picknick aus. 

Weiter geht’s auf den Höhenweg entlang der Steilküste zu den Bufones de Arenilas. Das sind Aushöhlungen im Karstgestein, durch die das Meerwasser bei starker Brandung Geysiren gleich nach oben schießt. Ein Schild warnt davor, sich zu nahe heran zu trauen. Ich versuche vorsichtig hinunter zu spähen. Aus dem Krater faucht das Wasser wie ein wütender Stier, der gleich in die Arena gejagt wird.

Später, in Andrin, einem Ort etwa sechs Kilometer vor Llanes, meinem heutigen Etappenziel, mache ich nochmal Pause.  Von dort aus geht es oberhalb der Küste mit atemberaubenderAussicht Richtung Llanes. Die Stadt sieht man schon weithin. Der Weg führt aber auf und ab und scheint mehr nach oben zu führen als an die Küste. Als ich schon glaube, endlich den Abstieg erreicht zu haben, geht es noch einmal steil bergauf. Allmählich bin ich mir fast sicher, dass ich einen Abzweig verpasst habe. Ich bin schon fast an Llanes vorbei. Und immer noch geht es aufwärts. Wenn das so weitergeht, laufe ich geradewegs ins Gebirge, die Picos de Europa. Zudem drückt mich das Gewicht meines Rucksacks, meine Füße wollen auch nicht mehr. Heute bin ich den Tränen nahe. 

Mit letzter Kraft schleppe ich mich zur Herberge La Casona del Peregrino, ebenfalls einer alten Villa einer Indio-Familie aus dem 19. Jahrhundert. Hier gehört es zum Service des Hauses, dass sie dein Paket zur Post bringen, wenn du etwas nach Hause schicken möchtest. Ich bin schlagartig wieder voller Freude und trenne mich von einem Kilo Gepäck. Die Wäsche ist im Preis inbegriffen, das Frühstück auch, alles für 15 Euro.

Mal sehen: Könnte sein, dass ich morgen über den Camino tanze.

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