Schmetterlinge im Bauch

Ein Jahr nach meiner Pilger-Wanderung auf dem Camino Francés bereite ich mich auf meinen nächsten Camino vor. Und obwohl ich das Gefühl habe, nach Hause zurückzukehren, steigt die Aufregung mit jedem Tag, den die Reise näher rückt. Unter die Aufregung hat sich aber noch ganz untrüglich ein anderes Gefühl gemischt. Ich habe Schmetterlinge im Bauch.

Und ja: Ich bin verliebt. Verliebt in den Camino de Santiago, in das Vagabundenleben, in die Begegnungen am Weg, in das genaue und Detail-verliebte Hineinspüren alles, was sich mir an jedem Tag zeigen mag. Dort, auf dem Weg, ist es nicht nur eine große Freiheit, an jedem Tag aufs Neue zu entscheiden, wie weit ich gehen möchte. Es ist auch an jedem Tag die Verpflichtung, mir selbst gerecht zu werden. Bei jedem Aufwachen wieder.

Vergangenes Jahr hatte ich beim Aufbruch auf den Camino Francés eine verunglückte Liebesaffäre hinter mir gelassen. Ich war ein wenig niedergeschmettert, angeschlagen, und saß mit Yoga-Kollegen im Café. Einer meiner Freunde versuchte mich zu trösten: „Wer weiß, vielleicht triffst Du ja den Mann Deines Lebens dort auf dem Weg!“ – „Na klar!“, hab ich gelacht „Enrico!“ – Er daraufhin: „Enrico?! Wer ist Enrico!“ – Ich: „Weiß ich noch nicht!“

Ich hatte wirklich keine Ahnung. Aber der Name „Enrico“ hörte sich für mich vielversprechend an. Nach innerem Reichtum und Freude. Da wollte ich hin.

Auf dem ersten Drittel des Camino Francés habe ich mich mit ein paar Freunden zu einer kleinen Patchwork-Familie zusammengeschlossen. Mein täglicher Begleiter hieß Ricky. Die Namensverwandtschaft zu Enrico fiel mir erst auf, als ich gemeinsam mit ihm die Kathedrale in Burgos besichtigt habe. Zuvor hatte ich ihm eröffnet, dass ich ab dem nächsten Tag allein weitergehe. Und er hat beschlossen, dass er von Burgos nach Hause fährt. Nicht meinetwegen, wie er mir versicherte, sondern weil er irgendwelche Finanzgeschichten in Ordnung bringen musste.

Der zweite Teil meiner Reise, meine Wüstentage allein durch die Meseta, waren bestimmt durch die Begegnung mit meinen dunkelsten Schatten. Auf den ersten Blick beängstigend und verwirrend. Und doch bin ich mutig immer weiter vorwärts gegangen. Das Ende des Tunnels entließ mich mit einer schier unbändigen Freude und Erwartung auf den letzten Teil meines Weges.

Das letzte Drittel, so glaube ich heute, war eine Prüfung, ob meine Erkenntnisse in der Welt Bestand haben würden. Ich musste erst noch einmal ganz hinunter in die Dunkelheit, um daraus strahlend wieder hervorzutreten. Das habe ich nicht allein geschafft. Es gibt einige Camino-Freunde, die daran einen großen Anteil hatten. Ohne den Austausch mit ihnen, auch heute noch, ein Jahr später, wäre es nicht möglich gewesen. Allen voran bin ich Keith aus Texas dankbar für seine vielen Mails und dafür, dass er mich ermutigt hat, meine Erlebnisse und Erfahrungen niederzuschreiben. Heute kam ein kleines Päckchen von ihm. Ein Kompass, der mich immer auf den richtigen Weg zurückbringt. Und ein weiteres Geschenk, das ich erst in Santander aufmachen darf und werde.

Ich bin angekommen, wo ich hin wollte. An einem Ort des inneren Reichtums und der Freude.

In knapp drei Wochen fliege ich nach Santander zu meinem nächsten Abenteuer. Ich habe Schmetterlinge im Bauch. Ich bin gespannt, wohin mich der Weg dieses Mal führen mag. Auf jeden Fall in Richtung Santiago, das steht schon mal fest.

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