Tag 28: Gonzar – Ponte Campaña (19.06.2017)

Sechzehn Menschen in einem Raum, in dem die Hitze steht: Ich habe kaum geschlafen und mich die ganze Nacht von einer Seite zur anderen gewälzt. Um 5 Uhr morgens hält mich nichts mehr im Schlafsaal. Ich packe hastig meine Sachen, das gelingt mir mittlerweile im Halbschlaf. Zehn Minuten später stehe ich draußen vor dem Tor.

Es ist stockfinster. Ich bin nicht die einzige. Ein paar andere sind auch schon draußen, man sieht die Lichter der Stirnlampen durch eine schwarze Nacht schweben. Wenigstens muss ich nicht allein im Finstern nach dem gelben Pfeil suchen.

Mein Schienbein tut immer noch höllisch weh. Mittlerweile mache ich viel kleinere Schritte, dadurch lassen sich die Schmerzen ertragen. Ein Gedanke dreht eine Endlosschleife: Warum bereitet mir das Ende eines Projekts immer solche Schwierigkeiten? Brauche ich das, um es beenden zu können? – Meine Gefühle sind sehr zwiespältig. Ich fühle mich noch nicht bereit für Santiago. Ich liebe das Laufen und die Freiheit hier draußen als Pilger. Aber die Schmerzen sind so zermürbend, dass ich allmählich die Lust am Gehen verliere.

Es ist sehr schwül heute und neblig. Ich gehe durch unzählige kleine Ortschaften. Alle scheinen an mir vorbeizuwandern. Eine Zeitlang unterhalte ich mich mit Rainer, ich kann aber aufgrund meiner Verletzung nicht mithalten und lasse ihn schließlich ziehen. Es strengt mich einfach viel zu sehr an.

Irgendwoher habe ich die Information, dass Palas de Rei sehr überfüllt sein soll. Deshalb gehe ich noch ein paar Kilometer weiter bis kurz vor Ponte Campaña. Die Herberge „Casa Domingo und die alte Mühle kenne ich bereits von meinem Camino im Jahr 2006. Sie ist wunderschön und idyllisch gelegen und hat sich überhaupt nicht verändert. Rainer, Jo, Dena und Sandra sind dort auch eingekehrt.

Das gemeinsame Abendessen unter Pilgern ist wieder sehr international. Mir gegenüber sitzen drei fröhliche ältere Spanier, die sich mit mir in ihrer Landessprache zu unterhalten versuchen. Ist ein wenig mühsam, aber auch sehr amüsant. Wie viele Spanier gehen sie die letzten 100 Kilometer. Ob er gerne wandert? frage ich einen der drei. – ‚Nein‘, lacht er. Er gehe eigentlich nie freiwillig zu Fuß. Aber er löse mit dem Weg ein Versprechen ein.

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