Tag 12: Cardañuela – Burgos (03.06.2017)

Die Stimmung ist schlecht heute morgen beim Aufwachen. Lorena hat die halbe Nacht kein Auge zugemacht. Gestern hatten wir für uns vier ein Hotelzimmer in Burgos gebucht. Jetzt ist mehr Privatsphäre für sie dran, also werden wir uns wohl heute in Burgos aufteilen. Wir brauchen lange, bis wir uns alle gemeinsam in Gang setzen können. Doch wir haben nur 11 Kilometer bis Burgos. Es ist trübe und kühl, aber es wird trocken bleiben.

In die Stadt hinein gibt es zwei Wegalternativen. Den offiziellen Weg kenne ich schon. Er belohnt den Pilger mit einer 5 Kilometer langen Strecke an einer vielbefahrenen Straße entlang durch die Vororte von Burgos. Auf meinem ersten Camino habe ich in Villafría den Bus in die Stadt genommen.

Wir finden die im Outdoor-Guide ausgezeichnete „schöne Wegalternative“ südlich am Flughafen vorbei. Zeitweise mutet der Weg geradezu idyllisch an.

Mir geht der Morgen nochmal durch den Kopf, die vielen Kompromisse, die ich immer wieder schließe. Und plötzlich weiß ich: Wenn ich jetzt den Absprung nicht schaffe, dann werde ich niemals allein weitergehen. Ich befürchte, das Wichtigste zu verpassen, wenn ich jetzt nicht allein weitergehe. Wir laufen schon so lange gemeinsam. Ricky und mich halten die Leute schon für ein Ehepaar. Wir haben uns ganz gut aufeinander eingeschwungen. Ich gehe gerne mit ihm gemeinsam auf dem Weg. Wir haben ein ähnliches Tempo und auch ein ähnliches Bedürfnis nach Ruhe und Unterhaltung. Es fühlt sich sehr vertraut an.

Ich brauche drei Anläufe, um es auszusprechen, weil ich unschlüssig bin, ob ich bereit bin, die Konsequenzen zu tragen: das Alleinsein, die Einsamkeit des Weges, ganz auf mich allein gestellt. Ganz leise höre ich es mich sagen. Ricky versteht nicht sofort und fragt nach. „Morgen verlasse ich Dich und die anderen.“ Ich versuche meiner Stimme Festigkeit zu geben. Es entsteht eine längere Pause. Ich mache einen Versuch der Erklärung. Ricky akzeptiert meine Entscheidung, versucht nicht, mich umzustimmen. Und erklärt mir dann, dass er seinen Weg für dieses Jahr beenden wird. Er hat zu Hause einige Dinge zu regeln, muss Anwälte sehen. Er hatte vor einigen Tagen so etwas Ähnliches angekündigt. Offenbar hat sich die Situation zugespitzt. Heute wird also in Burgos unser letzter gemeinsamer Abend sein.

Es ist wieder mal Samstag, Wochenende in der Stadt. Heute Abend soll es auch ein Fußballspiel geben, Championsleague, Juventus Turin gegen Real Madrid, glaube ich. Loena und Flavio wollen es sich gemeinsam mit Francesco in irgendeiner Kneipe anschauen. Auf dem Weg zum Hotel treffen wir Beat, was mich sehr freut. Auch er wird seine jährliche Etappe beenden, die er vor Jahren in der Schweiz begonnen hat. Im nächsten Jahr geht er von hier aus weiter. Wir verabreden uns zum Abendessen.

Es gelingt uns, das Hotelzimmer umzubuchen. Ich genieße das Zimmer, das weiche Bett mit frischen Leintüchern, nach Sauberkeit duftende Frotteehandtücher, eine Dusche, Kosmetika, die eine willkommene Abwechslung zu meiner Kernseife sind.

Auf dem Weg durch die Stadt treffen wir Lorena, Flavio und auch Roger in einer Eckkneipe mit leckeren Tapas. Und zum Abendessen ist dann auch Beat wieder da. Statt der üblichen Tortilla, Nudeln, Pommes und ähnlichem gibt es gegrilltes Gemüse mit Ziegenkäse. Du hast auf dem Weg einfach nicht viel Auswahl. In gute Restaurants kannst du nicht gehen, weil die in der Regel nicht vor 9 Uhr oder 10 Uhr abends öffnen. Da liegst du in der Regel schon längst im Bett und schläfst den Schlaf der Gerechten. Entweder kochst du selber, wenn deine Herberge eine Küche für Selbstversorger hat. Oder aber du nimmst das Pilgermenü, das in der Regel drei Variationen vorsieht: Schweinefleisch, Rindfleisch oder Fisch; dazu die üblichen verdächtigen Beilagen. Als Vorspeise eine Suppe oder Salat – in der Regel mit Tunfisch. Ein einfaches Dessert oder Eis am Stil.

Beat werde ich vermissen. Er lächelt einfach immer, freut sich an seinem Weg und ist ein sehr ruhiger, besinnlicher Zeitgenosse. Ricky wird mir auch fehlen. Ich hatte gehofft, dass wir uns immer mal wieder begegnen, vielleicht auch später nochmal gemeinsam laufen. Aber er hat bereits seinen Rückflug gebucht; wir werden uns wohl für immer verabschieden.

Es ist schon seltsam, wie sehr mich die Begegnungen auf dem Camino berühren. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich wirklich viel über Ricky weiß. Aber wir sind zehn Tage nebeneinander hergelaufen, haben unseren Schritt aufeinander abgestimmt, im gleichen Rhythmus gelebt. Haben geschwiegen, still den Weg genossen, erzählt, gelacht, Freude und auch unseren Schmerz zu Hause geteilt. Das brennt sich tief ins Herz. Und doch lasse ich es wieder los. Instinktiv spüre ich, dass ich es nicht festhalten muss, um es zu bewahren.

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