Tag 6: Lorca – Los Arcos (28.05.2017)

Auf dem Weg nach Los Arcos

Die Nacht war lang. Ich habe mich bis etwa 4 Uhr morgens schlaflos im Bett herumgewälzt. Die Spanier haben die ganze Nacht gefeiert. Leicht verkatert und mit schmerzendem Rücken wälze ich mich aus dem Bett. Lorena ist auch schon auf. Roger kommt gleichzeitig aus seinem Einzelzimmer. 25 Euro für eine schlaflose Nacht. Er zeigt mir seine Tür zum Badezimmer. Gestern hat er sich erst noch gefreut, dass er ein eigenes Bad hat. Nur um dann festzustellen, dass seine Badezimmertür in das Gemeinschaftsbad führt. Dafür muss er sich schon ein bisschen Spott gefallen lassen.

Wir gehen wieder jeder getrennt los. Ich falle mit meinem schweren Rucksack zurück. Eigentlich müßte ich ein bisschen Gewicht loswerden, doch ich weiß einfach nicht, wo ich noch einsparen könnte. Lorena meint, ich soll meinen Schlafsack zurückschicken. Der ist eigentlich eh zu warm, wiegt aber auch bloß 600 g. Meine Jacke, die ich eigentlich wegen des befürchteten schlechten Wetters in den Pyrenäen mitgenommen hatte, ist auch zu schwer. Doch noch kann ich mich noch nicht entschließen, etwas von dem Gepäck zurückzulassen. Ich hoffe einfach, dass ich mich an das Gewicht gewöhne. Aber heute fällt es mir schwer.

10 Kilometer weiter, in Estella, muss ich eine Pause machen. Ich fühle mich auf einmal irgendwie einsam. Zurückgelassen. Die anderen aus unserer gestrigen Runde sind alle vor mir. Irgendwo in Estella finde ich an diesem frühen Sonntagmorgen eine offene Tankstelle und gönne mir einen Kaffee und etwas zu essen.

Aus Estella heraus in Richtung Kloster Irache wird die Wegbeschreibung ungenau. An einer kleinen Wegkreuzung treffe ich mit Roger und Lorena zusammen. Die beiden haben einen Abzweig verpasst und mussten nochmal zurück. Das Kloster Irache ist eines der ältesten Klöster Navarras und berühmt dafür, dass es dort zwei Brunnen gibt: einen für Wasser und einen für Wein. Weinüberschüsse werden kostenlos an die Pilger abgegeben. Das ist natürlich d i e Attraktion.

Hinter dem Kloster falle ich wieder zurück. Ich kann einfach nicht mit dem Tempo der Schweizer mithalten und beneide sie um ihre kleinen Rucksäcke. Darüber beginne ich, an dem ganzen Unternehmen „Pilgerschaft“ zu zweifeln. Mir wird auf einmal bewusst, dass ich noch mindestens fünf Wochen unterwegs sein werde. Mit dem schweren Rucksack. Jeden Tag dasselbe: Gehen, Essen, Schlafen, Weitermachen. Mir ist heute nicht wohl bei dem Gedanken. Es fühlt sich öde an. Ich lehne mich auf. Soll das wirklich alles sein? Und wo soll mich das hinführen? Ich frage mich auch, ob ich mich an die Gruppe binden soll. Jeden Abend verabreden wir uns aufs Neue. Ich bin zweifellos gerne mit ihnen zusammen. Aber eigentlich wollte ich mich allein auf den Weg machen, immer wieder neue Begegnungen haben und keine feste Bindung eingehen. Ich weiß plötzlich nicht mehr, ob alles richtig ist.

So viele Gedanken und Zweifel, kaum dass ich mal allein bin. Ich schelte mich innerlich selbst über meine mangelnde Geduld. Ich mag einfach keine Routine. Doch hier auf dem Weg geht es ums Weitergehen. Also durchhalten! Ich versuche mich auf die Landschaft zu konzentrieren. Die Weite ordnet meine negativen Gedanken wieder. Als ich in Villamayor de Monjardín ich Ricky und schließlich auch Lorena treffe, sind meine Zweifel wieder verflogen. Gemeinsam gehen wir die 12 Kilometer bis Los Arcos.

Unterwegs treffen wir einen US-Amerikaner mit einer Beinprothese. Die Langeweile über die ewig gleiche Routine, das Gewicht meines Rucksacks und die schmerzenden Füße sind da schnell vergessen.

In Los Arcos beziehen wir unser Schlaflager in der Casa Austria. Ich packe meinen ganzen Rucksack aus auf der Suche nach meinem Handtuch und stelle fest: Das Odlo-Shirt, das mich seit etwa 15 Jahren begleitet, und mein Handtuch habe ich wohl am Morgen in Lorca liegenlassen. Zum Glück wird häufig etwas in den Herbergen zurückgelassen, freiwillig oder auch nicht. Die Herbergsleute geben mir ein Handtuch, das zudem frisch gewaschen ist. Das hat jemand hier vergessen. Und mein Handtuch wird hoffentlich auch jemanden glücklich machen.

Der Abend klingt fröhlich aus beim Essen auf dem Dorfplatz in gleicher Runde wie am Abend zuvor.

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