Tag 5: Zariquiegui – Lorca (27.05.2017)

Brücke über den Arga in Puente la Reina

Um kurz nach 6 Uhr in der Frühe verlassen Ricky, Lorena, Flavio und ich getrennt die Herberge. Ich nestele an meinem Rucksack herum, bin überhaupt nicht zufrieden damit, wie ich heute im Dunkeln gepackt habe. Ich bin immer noch schlecht organisiert morgens, muss ständig nachschauen, ob ich auch alles habe. Draußen im Hof packe ich nochmal alles aus und wieder ein. Dann besorge ich mir noch Wasser am Brunnen und wandere in der Morgendämmerung auf dem Pfad auf nach oben zum Monte del Perdón. An dem Ort, an dem sich nach einer Inschrift der Weg der Winde mit dem Weg der Sterne kreuzen soll hat die navarrische Wasserkraft und Windanlagengesellschaft einen eisernen Pilgerzug als Denkmal gestiftet. Auf dem Bergrücken thronen 40 mächtige Windräder.

Ich bin noch beinahe allein unterwegs. Die meisten Pilger werden in Pamplona übernachtet haben. Es ist still, nur der Wind flüstert mir sein Lied. Es wird allmählich richtig hell, als ich auf dem Alto stehe und weit über die grüne Sierra del Perdón in Richtung Uterga schaue.

Auf den eher sanften Aufstieg folgt ein steiler Abstieg, bei dem ich mich konzentrieren muss, um nicht ins Rutschen zu kommen. Als ich unten bin empfängt mich der Weg mit Mandelbäumen und den herrlichsten Düften. Ich genieße das Knirschen des Weges unter meinen Schritten, bin aufmerksam, wach und dankbar für die wunderschöne Weite der Landschaft.

Vor mir in der Ferne erkenne ich den blauen Rucksack von Ricky. Wir gehen eine ganze Weile hintereinander her. Unentschlossen, ob wir gemeinsam gehen sollen oder nicht. Treffen uns, wechseln ein paar Worte und trennen uns dann wieder. Irgendwann werden wir uns einig, dass wir beide dringend ein Frühstück brauchen. Doch es ist noch viel zu früh. Die Bars in Uterga und auch in Muruzábal sind noch geschlossen. Erst in Obanos, nach etwa zehn Kilometern, haben wir Glück und können uns erst einmal stärken.

Den Abstecher nach Eunate sparen wir uns und gehen direkt die drei Kilometer nach Puente la Reina, Am Ortseingang werde ich auf einen Innenhof mit Holzskulpturen aufmerksam. Hier hat ein Künstler sein Atelier. Er erlaubt uns, seine Skulpturen zu besichtigen, die mich sehr beeindrucken. Neben Wandreliefs mit Darstellungen des Handwerkerlebens gibt es hier sogar Figuren in Yoga-Postures. Schade, dass wir uns mit dem Künstler nicht unterhalten können. Mein Spanisch ist leider nicht ausreichend, und er spricht wohl keine andere Sprache.

In Puente la Reina wird mir zum ersten Mal so richtig bewusst, welche wirtschaftliche Bedeutung der Camino vor langer Zeit schon hatte. Die berühmte Brücke, die der Stadt ihren Namen gibt, wurde von der Königin von Navarra im 11. Jahrhundert beauftragt, damit die Pilger trockenen Fußes über den Fluss Arga gehen konnten. Der unablässige Pilgerstrom hatte die Ansiedlung ausländischer Handwerker und Kaufleute zur Folge und damit eine dynamische Wirtschaftsentwicklung.

Ich erinnere mich, dass ich von hier vor vierzehn Jahren eine Menge Klamotten nach Hause geschickt habe. Mein Rucksack ist mir auch jetzt zu schwer. Ich wüsste aber nicht, was ich jetzt noch heimschicken könnte. Der einzige Luxus in meinem Rucksack ist mein Tagebuch, auf das ich nie und nimmer verzichten werde. Also muss ich wohl weiterhin schwer tragen.

Wir gehen weiter, immer weiter. Die Schwierigkeiten, die mich vor dem Camino noch beschäftigt haben, werden täglich kleiner. Ricky geht es auch so. Nirgends wird Dir so bewusst wie hier, dass Du sowieso immer nur einen Schritt vor den anderen setzen kannst.

In Lorca angekommen checken wir in die Herberge ein und gönnen uns erst einmal ein Bier. Das erste des Tages, das so wunderbar schmeckt! Dieses eine Bier ist der Auftakt zu einer Feier mit den Schweizern Lorena, Roger, Beat, mit dem Brasilianer Flavio. Wir haben einen phantastischen Abend. Auf Handwäsche verzichten wir heute und lassen die Maschine für uns arbeiten. Irgendwann werde ich hochgehen, das Zeug aus dem Trockner nehmen und auf unsere Schlafplätze verteilen. Unser geselliger Abend ist einfach viel zu wertvoll, um ihn mit Hausarbeit zu belasten. Bierselig gehen wir ins Bett und machen bis vier Uhr morgens kein Auge zu, weil Wochenende ist und im Ort eine Prozession stattfindet, die begleitet ist von einer lauten Party der Dorfbewohner.. Es hört sich an, als würde die Band direkt neben dem Bett stehen.

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