Tag 7: Los Arcos – Logroño (29.05.2017)

Rioja-Landschaft bei Logrono

In Los Arcos verlassen wir zu dritt die Herberge: Lorena, Ricky und ich gehen gemeinsam zielstrebig aufs freie Feld. Kaum sind wir jenseits der Ortsgrenze, kündigt sich in der Ferne ein heftiges Gewitter an. Wir beschleunigen unwillkürlich unseren Schritt, obwohl das Unwetter jetzt noch sehr weit entfernt scheint. Während wir in analogen Zeiten ganz unbesorgt übers Feld geschlendert wären, zeigt uns jetzt ein Blick auf Ricky’s Wetter-App, dass wir mit Sicherheit genau in die Wetterfront hineingeraten. Ich versuche mir einzureden, dass wir schon irgendwie darum herumkommen werden.

Doch die Wand, auf die wir zugehen, wird immer schwärzer, der Wind schneidender. Schon zerreissen die ersten Blitze den Himmel. Lorena macht ihrem Schrecken mit einem leisen Schrei Platz. Ich versuche unbeholfen, unser aller Bedenken zu zerstreuen, indem ich bemerke, dass wir vom Pilgerweg wahrscheinlich direkt in den Himmel gerufen werden … und überlege mir insgeheim, ob es nicht an der Zeit ist, meine Wanderstücke von mir zu werfen. Hier auf dem freien Feld, kein Baum, kein Strauch, nur wir drei Erhebungen und meine Wanderstöcke. – Hilfesuchend drehe ich mich um. Hinter uns kommt in schnellem Schritt Roger, ebenfalls mit Stöcken ausgerüstet. Ich vertraue ihm meine Gedanken an. Er grinst unsicher und murmelt etwas von „ich glaub nicht …“ Mehr verstehe ich bei dem Wind nicht. Ich weiß nicht warum: Aber plötzlich bin ich an meine Kindheit erinnert. Mein Vater erklärt mir, dass das Gewitter uns nichts anhaben kann, weil wir doch einen Blitzableiter auf dem Dach haben. – Ich beschließe, möglichst nicht zu hinterfragen, was gerade in Roger vorgeht, und einfach auf unser Glück zu vertrauen.

Nach kurzer Zeit öffnen sich die Schleusen, Starkregen prasselt auf uns nieder. Uns läuft das Wasser hinten in die Stiefel. Bei jedem Donner verkrampfe ich mich mehr, ziehe den Kopf ein wie eine Schildkröte. Verbissen kämpfen wir uns vorwärts, lehnen uns gegen den Wind. Sansol, der nächste Ort, ist noch etwa zwei Kilometer entfernt. Dort angekommen flüchten wir uns in die Herberge direkt an der Straße. Es gibt Café con Leche, Bocadillos, Schoko-Croissants. Froh, gerade nochmal davongekommen zu sein, legen wir die nassen Klamotten ab und stärken uns erst einmal ausgiebig.

Roger zückt seine zwei Handys, ein privates, ein Dienst-Handy. Der Preis dafür, dass ihm sein Unternehmen sieben Wochen bezahlten Urlaub genehmigt hat. Ich ziehe ihn ein bisschen auf. Um ehrlich zu sein: Es ist schon ein wenig Neid dabei. Ich musste mir für diesen Camino vier Wochen unbezahlten Urlaub nehmen. Allerdings genieße ich diesen Urlaub auch in uneingeschränkter Freiheit.

Als wir weitergehen, nieselt es immer noch ein bisschen. Ich bestaune die Farbkontraste des Rioja: rote Erde, grüne Weinreben, Olivenbäume und ein rabenschwarzer Himmel.

Unser heutiges Tempo ist atemberaubend. Ich kann kaum mithalten. Wieder behindert mich mein großer, schwerer Rucksack. Das Tempo meiner Pilgerfamilie macht mir heute sehr zu schaffen. Hinter Torres del Río gibt es einige steile Anstiege. Meine Mitpilger gehen da hoch wie von einer Seilbahn gezogen. Ich keuche hinterher. Wir beratschlagen, ob wir in Viana bleiben oder doch bis Logroño gehen. Ich hab aus 2003 noch eine sehr gute Erinnerung an Viana. Damals allerdings gab es kein Essen für uns, weil die einheimischen Familien die Restaurants mit Kommunionsfeiern besetzt haben. Ich würde den Ort mit dem einmaligen Ausblick auf die Ebene sehr gerne noch einmal genießen. Aber Ricky, Lorena und Roger wollen weiter bis Logroño, wo man in den vielen Pincho-Bars gut und vielfältig essen soll. Ich mosere ein wenig herum, dass die Stadt nichts Schönes hätte, füge mich dann aber in den Entschluss der Mehrheit. Tatsächlich rührt meine Ansicht, wie sich später herausstellen soll, vor allem daher, dass ich auf meinem ersten Camino in der Hauptstadt des Rioja einfach einen schlechten Tag hatte.

In Viana stärken wir uns ein letztes Mal. Irgendwo in einer Sandwich-Bar in den Straßen des Ortes gabeln wir auch Flavio auf. Die letzten zehn Kilometer bis Logroño werden für mich heute zu einer harten Prüfung. Der Weg zieht sich, ich bin erschöpft. Das Tempo des Tages war einfach viel zu hoch für mich. Kurz vor der Stadt zeigt sich die Sonne wieder. Eine willkommene kurze Pause, um endlich die Regensachen auszuziehen.

Roger gönnt sich heute wieder ein Hotelzimmer. Ricky, Lorena, Flavio und ich beziehen in der Herberge Santiago Apostol ein Vierer-Zimmer. Die Herberge ist eher schmucklos mit dem Charme einer italienischen Eisdiele. Aber im Bad gibt es einen Fön. Ich bin erstaunt über mich selbst, wie sehr mir dieses Detail ein Gefühl von Luxus vermittelt.

Zum Abendessen ziehen wir zu fünft gemeinsam durch diverse Pincho-Bars, schlagen uns die Bäuche voll und feiern das Leben. Gibt es eine bessere Belohnung für die Anstrengungen und Entbehrungen des Pilgerns? Um ehrlich zu sein: Ich vermisse nichts.

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