Tag 4: Larrasoaña – Zariquiegui (26.05.2017)

Von Pamplona zum Monte del Perdón

Bereits um halb sechs in der Frühe trete ich vor das Tor der Herberge. Ich hab im Frauenzimmer wunderbar geschlafen, musste nicht einmal meine Ohrstöpsel tragen. Der Duft der Natur ist geht mir direkt ins Herz. Ich nehme erst einmal ein paar tiefe Atemzüge. Die Vogelstimmen sind unbeschreiblich laut. ‚Typisch Südländer‘, denke ich und lächle.

Im Halbdunkel muss ich mich konzentrieren, um den gelben Pfeil nicht zu übersehen. Ricky, Lorena und ich sind in Zaraquiegui verabredet, ich habe also etwa 26 Kilometer vor mir und bin gespannt, ob wir heute Abend wirklich alle drei wieder zusammen sind.

Der Weg bis Pamplona zieht sich. Ich bin die ganze Zeit über mit mir selbst beschäftigt und genervt. Zwar ist das Reißen in der Wade verschwunden. Aber der Rucksack drückt schwer. Ich scheine mal wieder am schwersten zu schleppen. Alle anderen Pilger sind nicht so hochgerüstet. Mein Rucksack hat mit 2,8 kg ein viel zu hohes Eigengewicht. Keine gute Wahl! Meine Stimmung ist getrübt. Vielleicht auch deshalb, weil ich einfach keine Bar finde. Ich brauche dringend einen Kaffee und ein Frühstück. Doch bis Pamplona sind es 15 Kilometer. Und vorher scheint es keine Bar zu geben. Also drei Stunden Fußmarsch. Zum Glück habe ich noch ein paar Nüsse als Proviant einstecken.

In Pamplona verkneife ich mir meinen Kaffee-Durst in den Vororten, um lieber in der Innenstadt gemütlich zu frühstücken. Die Fußgängerampeln in der Stadt hinterlassen bei mir einen bleibenden Eindruck. Sie teilen Dir mit, wie lange Du noch auf „Grün“ warten musst. Eine tolle Sache! Wenn Du lesen kannst, dass es nur noch 30 Sekunden bis zur Grün-Phase sind, bist Du auch nicht versucht, bei „Rot“ zu gehen. Im Gegenteil: Du nutzt die kurze Zeitspanne für eine erholsame Atempause. Warum gibt es solche Ampeln nicht überall auf der Welt? Manche Dummheiten, die man alltäglich begeht, wären so einfach zu verhindern.

Auf dem Weg in die Innenstadt komme ich mit der Schwedin Lotta ins Gespräch. Begegnung ist so einfach. Es braucht nur den Rucksack und die Muschel als verbindendes Element und schon bist Du Teil einer riesigen Gemeinschaft. Lotta ist zum ersten Mal auf dem Pilgerweg. In der Stadt suchen wir das nächste Café auf und machen ein Päuschen. Das ist so typisch auf dem Jakobsweg. Du triffst einen Menschen, gehst eine Weile zusammen, trennst Dich wieder oder es treibt Dich eben gemeinsam in die nächste Kaffee-Bar.

Lotta ist Ende vierzig und besitzt eine Anmut und Freiheit, die mir direkt auffallen. Sie ist eine gute Zuhörerin und auf eine angenehme Art direkt. Auf den Weg hat sie sich gemacht, um die Trennung von ihrem Mann zu verarbeiten. Wir halten uns eine Weile im Stehcafé auf und beschließen dann, die Kathedrale gemeinsam zu besichtigen. Wir drehen eine Runde durch das Gotteshaus, bemerken beide die latente Frauenfeindlichkeit, die einem im religiösen Umfeld immer wieder begegnet und verabschieden uns dann. Lotta möchte noch etwas Stadtleben genießen. Mich zieht es hinaus aus der lauten Stadt, deren Lärm und Verkehr selbst in den kleinen Gassen mir nach drei Tagen in der Natur jetzt gerade ziemlich auf die Nerven gehen. Autos und Transporter fahren kreuz und quer durcheinander, andauernd muss ich mich mit dem großen Rucksack vor einem hupenden Koloss in Sicherheit bringen.

Im Park außerhalb der Innenstadt ruhe ich mich erst einmal vom lauten Durcheinander der Zivilsation aus. Dann geht es weiter hinaus aufs Feld. Es wird jetzt bald bergauf gehen, zum Monte del Perdón. Die Windmühlen in der Höhe scheinen mir zuzuwinken. Es sind alte Bekannte. Ich folge immer dem gelben Pfeil, gehe weiter durch Cizur Menor, immer weiter aufwärts. Nach einer Weile sehe ich in der Ferne ein Dorf, von dem ich glaube, dass es mein Ziel ist. Der Weg führt aber weiträumig daran vorbei. Jetzt bin ich ratlos. Weit und breit ist nämlich kein Kirchturm in Sicht. Und irgendwie werden auch die Wegzeichen rar. Keine Menschenseele. Mein Buch gibt keinen Aufschluss. Ich werde unsicher. Ob ich mich verlaufen habe? Der Weg verengt sich zeitweise zu einem schmalen Pfad. Unsicher gehe ich weiter voran und muss tatsächlich, trotz der Verunsicherung, ein bisschen über mich schmunzeln, weil ich mir auf einmal die vielen Menschen herbei sehne, die ich doch gestern unbedingt so schnell wie möglich hinter mir lassen wollte.

Als sich der Weg teilt, bin ich noch mehr verunsichert. Ich finde keinen gelben Pfeil. Wieder scanne ich die vor mir liegende Höhe nach einem Kirchturm, aber ich sehe nichts. Doch dann höre ich Stimmen. Drei junge Spanierinnen in Sportkleidung. Endlich jemand, den ich fragen kann. Sie versichern mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Einfach immer geradeaus!

Während die Sorge um den richtigen Weg sich verflüchtigt, frage ich mich einmal mehr, warum ich mich eigentlich unbedingt allein auf den Weg machen wollte. Nicht, dass ich es bereue. Aber das Alleinsein ist mir schon zur Natur geworden. Ich habe diese Entscheidung nie bewusst getroffen. Eigentlich habe ich mich immer nach Familie gesehnt. Aber es ist mir nie gelungen. Liegt es daran, dass ich nicht dauerhaft jemanden um mich haben möchte? Oder ist es eher so, dass mich niemand für längere Zeit aushält? Ewige Grübeleien und Fragen, die mich seit Monaten beschäftigen. Sollte ich mich nicht einfach an meiner Stärke erfreuen? Ich bin stark. Mein Körper steckt die vielen Kilometer mit dem schweren Rucksack ganz einfach weg. Körperlich fühle ich mich auch heute vollkommen. Unabhängig.

Als ich gerade anfangen möchte, mir Sorgen um meine Wasservorräte zu machen, taucht vor mir die Kirche von Zaraquiegui auf. Aus ihrer rückwärtigen Mauer reckt sich mir ein Wasserhahn entgegen. Gierig trinke ich. Im Ort gibt es zwei Herbergen. Ich entscheide mich für die links des Weges liegende. Als ich den Schlafsaal betrete, kommt mir Ricky freudestrahlend entgegen und umarmt mich. Ich freue mich auch, ihn zu sehen. Später schaffen es auch noch Lorena und Lotta bis in den Ort. Und der Brasilianer Flavio, mit dem wir gestern auch schon eine Pilgermahlzeit geteilt haben. Bis zum Abendessen vertreiben wir uns die Zeit bei einem gemeinsamen Bier, das nach der Anstrengung so gut schmeckt wie selten zuvor. Wir teilen unsere Erfahrungen des Tages. Schon jetzt fühlt es sich an wie Familie.

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