Tag 3: Roncesvalles – Larrasoaña. (25.05.2017)

 Rucksäcke vor einer Bar

Am Morgen werden wir Pilger von den Freiwilligen mit einem Halleluja geweckt. Das treibt mir sofort Tränen der Rührung in die Augen. Seltsam, diese emotionale Flutung, die ich in letzer Zeit in solchen Situationen erfahre. Der Italiener im gegenüberliegenden Bett ist eher belustigt.

Mich hält nichts mehr in den Federn. Die halbe Nacht haben die drei Italiener in meinem Schlafabteil und ich wechselweise das Fenster auf- und wieder zugemacht. Ich schlafe immer schlecht bei geschlossenem Fenster. Den Italienern war’s offensichtlich zu kalt oder zu hell.

Rasch packe ich meine Sachen zusammen und bedauere schon fast, dass ich am Tag zuvor ein Frühstück gebucht habe. Eigentlich will ich direkt los. In der Herberge herrscht emsiges Treiben wie in einem Bienenschwarm. Wer weiß, was nachher auf dem Weg los ist.

Das Frühstück mit Obst ist eigentlich nur ein bisschen Toastbrot mit einem Apfel, den ich mir in die Tasche packe. Ich will weg hier, will auf den Weg, weg von den vielen Menschen. Ein bisschen Café con Leche, ein bisschen Toast. – Ab geht’s auf die Piste.

Die Stimmung unter den Pilgern ist bestens. Alle schnattern aufgeregt durcheinander. Eine Gruppe junger Frauen posiert mit dem Victory-Zeichen. Der Italiener aus meinem Schlafabteil lacht. „Hey, Ihr seid ja gerade mal erst losgegangen. Seid Euch nur nicht jetzt schon zu sicher!“ – Aber was soll’s? Ich kann mir momentan auch nicht vorstellen, dass es einen Punkt geben soll, an dem ich nicht mehr weiter will. Immerhin sind wir alle über’n Berg gekommen.

Ich habe mir vorgenommen, es heute bis Larrasoaña zu schaffen, denn die meisten werden sicher nur bis Zubiri gehen. Also los. Nichts wie weg! Ich sehne mich nach ein bisschen mehr Ruhe. Hinter Lintzoain geht es hinauf zum Erro-Pass. Irgendjemand ist dicht hinter mir. Ich möchte mich nicht umdrehen, gehe einfach weiter und bin ziemlich schnell. Aber die Schritte hinter mir bleiben mir dicht auf den Fersen. Ich halte das Tempo nur mit Mühe, würde gerne mal wechseln. Aber irgendwie fühle ich mich herausgefordert, bei meinem schnellen Schritt zu bleiben.

Oben angekommen drehe ich mich endlich um. Mein „Verfolger“ heißt Ricky und kommt aus New Orleans. Ich liebe die Internationalität des Jakobswegs. Du kannst Leute aus allen möglichen Ländern treffen. Europa ist hier sowieso vertreten, viele Asiaten, US-Amerikaner, Südamerikaner, Australier, Neuseeländer. Wir wandern eine ganze Weile gemeinsam. Ricky erzählt von New Orleans, ich von Deutschland. Er erzählt mir, dass seine Vorfahren aus Deutschland kommen. Ich staune, wie vertraut mir ein Mensch ist, den ich gerade erst ein paar Augenblicke kenne. Ich werde noch viele solcher Momente erleben. Magisch.

Allmählich hat sich das Feld ein bisschen auseinandergezogen. Es sind gerade mal keine anderen Pilger in Sichtweite. Ich habe ein bisschen Hunger. Nach einer guten Stunde gemeinsamen Wanderns verabschiede ich mich von Ricky und gönne mir eine kleine Pause mit meinem Apfel.

Gegen Mittag überquere ich die Brücke nach Zubiri. Hinter der Brücke treffe ich Ricky wieder; er ist unschlüssig, ob er im Ort übernachten oder weitergehen soll. Ich bin mir sicher: Ich gehe bis Larrasoana. Oben auf dem Pass hat jemand Werbe-Flyer für die Herberge San Nicolás verteilt. Dort will ich hin. Aber erst einmal muss ich das Loch in meinem Magen stopfen. In der nächsten Bar, gegenüber vom Dorfbrunnen, der Trinkwasser spendet, genehmige ich mir eine Tortilla und einen Café con Leche. Die Bedienung spricht Deutsch. Ich muss also nicht einmal meine paar Brocken Spanisch zusammenklauben. Ricky leistet mir Gesellschaft. Gemeinsam schauen wir, wie weit es noch bis Larrasoaña ist. Er läuft mit der Santiago-App, ich habe klassisch ein Buch dabei. Nach einer längeren Pause gehe ich allein weiter. Vielleicht treffen wir uns wieder.

Auf den letzten knapp sechs Kilometern bis Larrasoaña begegnet mir kaum eine Menschenseele. Die Sonne sticht ein bisschen. Und jetzt rächt sich das Gerenne vom Vormittag. Bei einem kleinen Anstieg werde ich jäh durch ein heftiges Reißen in der rechten Wade gebremst. Nur das jetzt nicht! Es fühlt sich an, als wäre eine Mini-Faser gerissen. Den Rest des Weges muss ich in kleinen Schritten gehen. Innerlich schüttele ich den Kopf über mich selber, mache mir Vorwürfe. Ich sollte einfach kleinere Schritte machen, langsamer gehen. Hoffentlich ist der Schmerz morgen weg! Auf einmal wird mir bewußt, wie wenig meine sonstigen Gedanken sich im Kreise drehen: Weder denke ich über meine Beziehungen nach, noch über die manchmal unerträgliche Arbeitssituation zu Hause. Ich mache mir Sorgen um meine Beine, die momentan das Wichtigste sind, wenn ich mein Ziel erreichen möchte. Zu Hause habe ich mich in den vergangenen Monaten mit sinnlosen Grübeleien beschäftigt und im Kreis bewegt. Hier zählt nur eins: Vorwärts!

In Larrasoaña angekommen irre ich erst ein wenig durchs Dorf. Auf einmal dauert mir alles zu lang. Ich bin müde und erschöpft. Die Herberge ist vermutlich nicht einmal einen Kilometer entfernt von der Dorfmitte, aber mir kommt es vor wie eine Ewigkeit. Ich hab heute 28 Kilometer zurückgelegt, und das spüre ich deutlich. Meine Schultern schmerzen, der Rucksack drückt, die Füße schmerzen. Und ich habe Sehnsucht nach einer Dusche.

Die Herberge San Nicolás ist recht neu und sehr einladend. Ich bekomme ein Bett in einem Achter-Zimmer zugewiesen. Ungewöhnlich für den Camino: Der Hospitalero sagt, er versucht aus unserem Schlafraum ein Frauenzimmer zu machen. Ich bin ihm so dankbar. Außer mir ist schon eine Amerikanerin angekommen. Sie heißt Maria, und es ist ihr erster Camino. Ich bin beeindruckt von ihrem Mut, nicht nur diesen langen Weg zu gehen, sondern dafür auch noch in ein fremdes Land auf einen anderen Kontinent zu kommen. Als ich es ihr sage, scheint es ihr auch zum ersten Mal bewusst zu werden, dass sie wirklich stolz auf sich sein kann.

Die Dusche bringt mir meine Unternehmungslust zurück. Ich gehe den gegenüberliegenden Laden inspizieren. Es stehen auch ein paar Stühle und Tische im Hof. Der Ladeninhaber wirbt damit, dass es der Laden mit der besten Musik auf dem gesamten Camino sei. Aus dem Lautsprecher dröhnt amerikanische Rockmusik. Hinter der Theke steht der Ladenbesitzer mit dem besten Musikgeschmack des gesamten Camino und lädt jeden, der reinkommt, zu einem Glas Wein ein. So kommen wir alle schnell ins Gespräch. Als ich ihm sage, dass ich aus Frankfurt komme, überrascht er mich damit, dass er einen Freund in Oberursel hat. In meinem Wohnort! Wie klein doch die Welt ist! Wir begießen das unverhoffte Heimatgefühl gleich mit einem Gläschen.

Draußen treffe ich Ricky. Wir setzen uns im Hof, und nach einer Weile gesellen sich Lorena und Francesco dazu, Lorenas Fersen sehen sehr schlecht aus. Sie sind total entzündet von den Wanderstiefeln. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt, über Amerika und Trump, über Rassismus und Waffenbesitz. Francesco sitzt dabei, er spricht leider nur Italienisch. Lorena kann zwar ein bisschen Italienisch, es strengt sie aber sehr an. Ihr drückt ein bisschen auf die Seele, wie sie ihm wohl am besten beibringt, dass sie am nächsten Tag ohne ihn weiter möchte. Er hat sich zu sehr an sie gehängt. Sie will ihn nicht verletzen. Ich empfehle ihr, es ihm einfach zu sagen. Schuldgefühle sind hier fehl am Platz. Schließlich ist es ihr Camino. Und ich bin mir sicher, dass Francesco andere Gesellschaft finden wird. Irgendwann während des Gesprächs seufzt Francesco auf, und in mir regt sich leise der Verdacht, dass er wohl doch mehr Englisch versteht als er zugibt.

Als es Zeit zum Abendessen ist, gehen wir zurück in die Herberge. Das gemeinsame Pilger-Abendessen in der Herberge ist wieder multinational: Ricky (USA), Roger und Beat (Schweiz), Flavio (Brasilien), ein Baske, ein deutsches Ehepaar aus Konstanz, ein Franzose. Ich blühe auf, fühle mich vertraut und zu Hause mit meinen Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Bis dahin hatte ich gar nicht bemerkt, dass ich das Springen zwischen den Sprachen so vermisse. Ich gehe schlafen mit dem Gefühl, dass ich auf dem Weg angekommen bin.

 

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