Glaubenssachen

Vor kurzem schickte ich meinen Flyer für ein Pilgerangebot in den Verteiler meiner ehemaligen Ausbildungsgruppe für Pilgerbegleiter auf dem Lutherweg. In dieser Ausbildungsgruppe waren wir fast zwanzig Teilnehmer, die meisten von ihnen kamen aus einem kirchlichen Hintergrund. Ich nicht. Ich bin zwar evangelisch getauft und konfirmiert und ich konnte mich trotz reiflicher Überlegung nie dafür entscheiden, aus der Kirche auszutreten. Aber ich habe dort nie eine wirkliche Heimat gefunden.

Ich hab es hin und wieder versucht. Wirklich. Ich bin sonntags in die Kirche gegangen, aber ich fühlte mich fremd. Ich schloss mich sogar einmal einem Gesprächskreis an und hörte erst einmal zu, weil ich unsicher war, ob ich etwas Substantielles beitragen konnte. Bis ich aufgefordert wurde, doch auch mal was zu sagen. Das war der Punkt, an dem ich aus dem Gesprächskreis ausstieg. Die Gruppe versuchte mich zurückzuholen, ich wurde mehrfach angerufen, aber ich meldete mich nicht mehr. Nicht, dass ich die Aufforderung jemandem übel genommen hätte. Mein Fremdsein entsprang eher einem inneren Schamgefühl, das sich brennend meldete, weil ich nicht Bibel-fest war und auch gar nicht mehr richtig wusste, wie man sich in der Lithurgie verhält, will heißen: wann man in der Kirche aufsteht, wann man sich setzen kann, ob man etwas tun muss, wenn man das Abendmahl erhält usw. Und ich war irgendwie in dem Glauben gefangen, dass ich am besten den Mund halte, um nur ja nicht meine Unerfahrenheit noch zur Schau zu stellen.

Nun, heute bin ich gereifter und ich schäme mich auch nicht mehr. Und es freute mich sehr, dass ich unter all den Kirchenleuten in der Ausbildungsgruppe so gut aufgenommen wurde. Um zurückzukommen zu meinen Flyer und dem Pilgerangebot. Auf meine Email meldete sich sogleich ein Pfarrer im Ruhestand, den ich wegen seiner positiven Ausstrahlung, seinem Engagement und seinen immer bestärkenden Kommentaren sehr schätze. Er gab mir seinen Segen für meinen Pilgertag mit und erklärte sich auch sofort bereit, meinen Flyer in seine Verteiler zu geben. Und kurze Zeit später erhielt ich die Anfrage eines Pfarrers, der mich bat, ihm meine Andacht zu schicken, wenn es denn eine gäbe.

Ich muss jetzt noch ein wenig Schmunzeln, dass mir jemand zutraut, eine Andacht zu halten. Aber warum eigentlich nicht? In meinen Yogastunden beziehe ich die spirituelle Ebene immer mit ein. Der Glaube an einen Gott ist mir durchaus auch nicht fremd, wenn er sich auch nicht ausschließlich auf den christlichen Gott bezieht. Für mich sind alle Religionen und Glaubensgemeinschaften auf die eine universelle Kraft gerichtet. Eine Kraft, die ich spüren kann, wenn ich mich ganz tief verankert und geborgen fühle. Eine Kraft, die immer da ist und für die ich mich öffnen kann, wenn ich den heiligen Raum der inneren Stille betrete. Diese Kraft kann ich überall spüren, besonders aber in der Natur oder auch in den Gotteshäusern aller Religionen.

Und so passiert es denn auch, dass ich mich aus einer tiefen Dankbarkeit für diese Kraft heraus als Protestantin bekreuzige, wenn ich in einer katholischen Messe bin. Oder dass ich sogar die Eucharistie empfange, wie es mir in einem sehr emotionalen Moment mal auf dem Jakobsweg im Saarland geschehen ist. Das allerdings werde ich mir beim nächsten Mal gründlich überlegen. Danach wurde ich nämlich von einer Katholikin angesprochen, die bemerkt hatte, dass ich nicht so ganz vertraut damit war. Sie empfand mein Handeln als gotteslästerlich, so dass ich meine emotionale Anwandlung wirklich bereute. Wir konnten uns darüber verständigen und gingen im Frieden auseinander. Sie lud mich sogar noch ein, falls es sich ergäbe, bei ihr zu Hause vorbeizukommen und dort zu übernachten.

Alles in allem, so meine Erfahrung aus den letzten Jahren, wird die Kirche von wunderbaren Menschen getragen, denen es ein Anliegen ist, Gemeinschaft zu leben und diese Welt zu einem Ort zu machen, an dem Werte gelebt und erfahren werden. Ein Ort, an dem auch Andersgläubige anerkannt sind. Glaube ist ein wichtiges Fundament meines Lebens. Kirche und ich, wir haben eine komplizierte Beziehung. Aber eben auch eine Anziehung. Es bleibt spannend.

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