Von Eckartsberga nach Stedten

Die Nacht zu viert im Pilgerzimmer war ruhig und erholsam. Aber heute früh graut mir vor der heutigen Etappe. Wir haben 25 Kilometer vor uns bei Temperaturen bis 34 Grad. Ich hab mir gestern einen erheblichen Sonnenbrand eingefangen. Das wird mit Sicherheit nicht lustig.

Meine Waden umwickle ich mangels langer Beinbekleidung mit Halstüchern. Bernd zaubert noch ein paar Sicherheitsnadeln aus seinem Rucksack. Und dann geht es teils über die Felder, teils über Asphalt, vorbei an langen Obstbaumalleen: Birnen, Äpfel und Zwetschgen.  – Alles, was das Herz begehrt. Das wird auch nötig sein, denn für die nächsten 18 Kilometer gibt es mal wieder…. – richtig: nischt.

Der Tag dehnt sich heute unter greller Sonne. Die Dörfer hier in Sachsen-Anhalt sind wie ausgestorben, kein Mensch auf der Straße. Und doch sieht man dann und wann einen Schatten hinterm Fenster. Man könnte meinen, die Leute hätten Angst vor uns. Eine Frau, die „auch nur wegen ihrer Enkel auf der Straße anzutreffen“ ist, sagt, das sei so seit der Wende. Das scheint hier die übergreifende Erklärung für so vieles zu sein. In Buttelstedt stürmen wir maskenbewehrt in den einzigen Supermarkt auf der Suche nach einem Zischgetränk. Bernd leert die erste Flasche noch im Markt, nachdem er den Kronkorken an einem Wasserkasten weggesprengt hat. Mir läuft, auch wegen der Maske, der Schweiß brennend in die Augen. 

Nach einstündiger Pause und einer Batterie geleerter Erfrischungsgetränke erwartet uns hinter Buttelstedt eine Schnurgerade, die immerhin rechts und links halbwegs schattenspendenden Bewuchs anbietet. Die Momente, in denen man in die Sonne hinaustritt, sind begleitet von beißender Hitze.

Drei Kilometer vor Stedten begleitet uns eine achtzigjährige Frau auf einer Abkürzung. Das spart uns zweihundert Meter. Vorbei an der Straussenfarm sehen wir in absehbarer Entfernung nach etwa acht Stunden die ersten Häuser von Stedten auftauchen. Dort übernachten wir heute in der Kirche St. Kilian.

Annett und Leontine, die gestern mit uns in der Herberge waren, sind schon da. Elke auch. Wie sich herausstellt, war sie letzte Nacht in der gleichen Unterkunft wie wir. Nach einiger Zeit gesellt sich noch der Radpilger Jan dazu. Und dann kommt ein neugieriger Einheimischer auf dem Fahrrad gefahren und gibt uns den entscheidenden Hinweis auf Monis Getränkemarkt. Dort gibt es neben kühlen Getränken auch Spiegeleier, letztere aber ausschließlich für Pilger. Klar, dass wir uns die Chance auf ein richtiges Abendessen nicht entgehen lassen. 

Nach dem entbehrungsreichen schweren Tag schenkt uns der Camino heute Abend sehr nette Gesellschaft unter Pilgern, ein gutes Essen und ein Dach über dem Kopf mit der Möglichkeit, sich ein Heißgetränk zuzubereiten. Dass es keine Dusche gibt, stört schon bald niemanden mehr.

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