Der Camino – ein Mysterium

Warum geht man einen Pilgerweg? Wie so viele andere auf dem Jakobsweg kann ich bis heute nicht so genau sagen, was mich letztlich 2017 noch einmal auf den Weg gebracht hat. Nur soviel: Ich steckte irgendwie fest und suchte nach einem Ausweg. In meiner morgendlichen Meditation stand die Lösung auf einmal vor mir. Vor Jahren hatte ich den Wunsch geäußert, den Camino Francés einmal am Stück und vor allem allein zu gehen. Seit zehn Jahren hatte ich diesen Wunsch irgendwo vergraben. Und jetzt, auf einmal, völlig aus dem Off, stand die Lösung vor mir. Ich nahm unbezahlten Urlaub und hatte acht wunderbar lange Wochen Zeit.

Im Vorfeld habe ich versucht, diesem Weg einen Sinn zu geben, habe mir vorgestellt, worüber ich mir in der Zeit des Unterwegsseins Gedanken machen möchte. Doch der Camino akzeptiert Dich nur zu seinen Bedingungen und offenbart Dir früher oder später, warum Du Dich auf den Weg gemacht hast. Wenn Du dafür offen bist.

Bei mir war es das Aufbrechen eines alten Konflikts mit meiner Mutter, den ich schon Zeit meines Lebens mit mir herumgetragen hatte. Ich habe es mir nicht ausgesucht. Der Weg hat mir diese Aufgabe gestellt. Nicht, dass ich darüber erfreut gewesen wäre. Ich hatte viele schwierige Momente, war manchmal verzweifelt. Und doch war ich auf dem Weg 2017 glücklich. Am Ende, hatte ich meine Mutter verloren und einen Freund gefunden.

Heute, zwei Jahre später, weiß ich erst, dass der Weg damals noch lange nicht zu Ende war. 2018 habe ich mich wieder auf den Weg gemacht. Der Schmerz über den alten Konflikt war lange nicht überwunden. Aber ich habe mich in das (Camino-)Leben gestürzt, hatte eine wunderbare Zeit mit vielen Menschen auf dem Weg, mit denen ich zum Teil heute noch freundschaftlich verbunden bin. Es war eine glückliche Zeit, und ich kehrte bereichert nach Hause zurück. Doch die Sehnsucht war noch nicht vorbei. Offensichtlich hatte ich mein Ziel noch nicht erreicht.

2019 habe ich mich also wieder auf den Weg gemacht. Nach einer einwöchigen Aufwärmphase gemeinsam mit einigen Freunden aus Texas auf dem Camino Francés verabschiedeten wir uns in Sarria. Ich fuhr nach Puebla de Sanabria, um den Camino Sanabrés, dem letzten Teilstück der Via de la Plata, zu gehen. Es ist ein einsamer Weg. Ich traf wenige Pilger. Und bis auf wenige Ausnahmen musste ich mit meinen armseligen spanischen Sprachkenntnissen zurechtkommen. Ich, die es mir sonst nicht international genug sein kann, fing an, meine Muttersprache zu vermissen. Aber je weniger ich mich meinen Mitpilgern gegenüber verständlich machen konnte, desto mehr war ich auf mich selbst zurückgeworfen. Es musste wohl so sein, denn ich fing an, mit meiner verstorbenen Mutter zu sprechen. Jeden Tag. Die Verbindung war so greifbar, so gegenwärtig, wie sie es nur in der Stille sein kann. Wir haben uns ausgesprochen und Frieden gemacht. Und als ich in Santiago de Compostela ankam, da wusste ich: Dieser Weg ist jetzt, nach drei Jahren, erst zu Ende.

Wer kann erklären, wie Heilung geschieht? Natürlich kann man sich vorstellen, dass durch die ständige Wiederholung eines Schritts nach dem anderen, durch die Vorwärtsbewegung auf ein äußeres Ziel hin, auch innere Prozesse angestoßen werden. Die eigene innere Haltung, eine Haltung der Demut und der Dankbarkeit, so scheint es, ist aber entscheidend. Der Camino lässt sich nicht auf Forderungen ein. Einen Anspruch auf Heilung gibt es nicht. Der Camino, so heißt es, gibt Dir nicht, was Du möchtest, sondern er gibt Dir, was Du brauchst.

Der Camino ist ein Mysterium. Genau wie das Leben. Genau wie die Liebe. Und manchmal ist es besser, man zerpflückt ihn nicht in Einzelheiten, sondern nimmt die Geschenke einfach dankbar an.

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