Wenn das nicht Magie ist

Tag 9: San Juan de Villapanada – Bodenaya (29 km)

Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich das eigene Anspruchsdenken wandelt, wenn man nur aus eigener Kraft vorwärts geht und dabei alles Nötige auf dem eigenen Rücken tragen muss. Ganz schnell verabschiedest Du Dich von lieb gewordenen Gewohnheiten, von allem überflüssigen Zeug, dass dich behindert. Und vor allem spürst Du eine unbändige Freude bei allem, was Dir den Weg ein bisschen erleichtert.

Das ist die Magie des Camino. Heute erfahre ich sie wieder ganz besonders deutlich. 

 Heute früh fühle ich mich mutig genug, abseits der regulären Route zu gehen. Außer mir ist da heute niemand unterwegs. Es ist ein wenig kniffelig, aber wenn immer ich mich unsicher fühle und ich mich fragend an die wenigen passierenden Autofahrer wende, bekomme ich deutlich eine Richtung angezeigt. Der Weg führt mich auf einen Hohlweg, auf dem Wohl normalerweise Kühe auf die Weide getrieben werden. Ich bin froh, dass mir keine Kuhherde entgegenkommt.

Kurz vor Cornellana komme ich wieder auf den regulären Weg.

Die 11 Kilometer nach Salas ziehen sich endlos. In Salas fühle ich mich ziemlich am Ende. Ich möchte aber unbedingt in die Herberge von David in Bodenaya. Dort gibt es vegetarisches Essen.

Ich habe allerdings Zweifel, ob ich dort unterkommen kann. Ich habe heute schon viele Pilger getroffen, die dort unterkommen möchten. In Salas werde ich erst einmal die Schuhe von mir. Meine Füße brauchen unbedingt Pause. Ich schaue auf mein Handy. Leo hat angerufen. Er ist schon in Bodenaya und sagt mir, dass es nur noch zwei freie Betten gibt, David aber keine Reservierung mehr annimmt. Ich versuche telefonisch trotzdem mein Glück und kann ihn schließlich damit erweichen, dass ich als Vegetarierin dringend was Anständiges zu essen brauche. 

Welche in Glück! Ich bedanke mich überschwänglich.

Mit neuer Kraft mache ich mich auf den 7 Kilometer langen Anstieg. Die Sonne sticht gewaltig. Schnaufend schleiche ich den Weg hinauf. Und komme nach einer gefühlten Ewigkeit in Bodenaya an.

Die Herberge ist ein wunderbarer Ort. Hier empfängt den Pilger der Spirit des Camino. David und seine Partnerin Celia empfangen mich mit einem strahlenden Lächeln. Es gibt sofort ein kühles Getränk. Als ich wieder bei Kräften bin, erklärt David die Grundsätze des Hauses. 

Wir Pilger sind seine Gäste und dürfen uns in der Küche bedienen. Nach dem Duschen dürfen wir unsere schmutzigen Sachen in den magischen Korb werfen, wo wir sie morgen früh gewaschen und gebügelt wieder herausnehmen können. Celia und er werden für uns kochen. Nach dem Abendessen dürfen wir 16 Pilger uns auf eine Uhrzeit einigen, zu der wir gemeinsam geweckt werden wollen. Kein Stress. Ein Rucksackpacken im Dunkeln. Und morgen gibt es für uns alle ein gemeinsames Frühstück.

Vor dem Abendessen gibt uns David noch einen Überblick über die Geschichte und die Beschaffenheit der nächsten Etappen auf dem Primitivo. Sehr unterhaltsam, höchst interessant und äußerst witzig.

Nach diesem herzlichen Willkommen und der anstrengenden Wanderung werden meine Augen fast ein wenig feucht. Und ehrlich: Es gibt hier keinen Luxus als den, als Mensch unter Menschen zu sein. Ganz einfach. Ohne überflüssiges Beiwerk. Und nach all den Schmerzen und der Anstrengung, nach allen Entbehrungen fühle ich mich heute glücklicher denn je. 

Wenn das nicht Magie ist.

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