Tag 35: Muxia – Finisterre (26.06.2017) und das Ende einer Reise

In der Nacht vor der letzten Etappe wache ich mehrfach mit Wadenkrämpfen auf. Ich wälze mich hin und her und weiß vor Schmerzen nicht, wie ich liegen soll. Noch vor dem Morgengrauen wird klar: Zur Hölle mit den Plänen! Ich nehme heute den Bus nach Finisterre.

Zugegeben: Es fällt mir schwer, Sandra, Art, John und seine inzwischen mit dem Wohnmobil angekommene Frau Helen einfach so ziehen zu lassen. Als ich im Bus sitze und an ihnen vorbeifahre packt mich ein bisschen Wehmut. Aber als ich in Finisterre im Café sitze, aufs Meer schaue und frühstücke, bin ich sehr glücklich darüber. Es war genau die richtige Entscheidung.

Ein wenig später treffe ich Dena und Jo und checke ins gleiche Hotel ein. Ein bisschen Privatsphäre für die letzten Tage. Wie immer kümmere ich mich direkt nach der Ankunft darum, dass meine Wäsche gewaschen wird. Das ist mir schon zur zweiten Natur geworden. Dann mache ich mich auf den Weg hinauf zum Leuchtturm. Dorthin, wo die Markierung „0 km“ steht.

Auf dem Weg hinauf ist außer mir nur noch ein weiterer Pilger unterwegs. Etwa einen Kilometer vor dem Leuchtturm steht eine letzte Pilgerstatue. Ich bitte ihn, ein Foto von mir zu machen. Gemeinsam wandern wir weiter. Keith ist aus Texas ist eine willkommene und angenehme Begleitung für diese letzte kurze Pilgerwanderung. Er ist auch in St.-Jean-Pied-de-Port gestartet. Wir tauschen Erfahrungen und Erlebnisse aus. Er ist Dena, Sandra und Jo begegnet. Es wundert mich ein bisschen, dass wir uns nicht schon früher begegnet sind.

Oben trennen sich unsere Wege. Ich suche mir einen Platz, schaue aufs Meer und lasse meine ganze Lebensreise im Geiste vorüberziehen. Vor drei Tagen habe ich meine Mutter verloren. Zu Lebzeiten stand einiges zwischen uns, was wir nicht klären konnten. Jetzt, in diesem Moment, fühle ich mich mit ihr im Reinen. Ich habe eine Verbindung zu ihr.

Als ich mich nach einiger Zeit umwende, um den Ort zu verlassen, ist Keith auch noch da. Er lädt mich auf einen Kaffee ein, und schickt mir ein Bild, das er von mir gemacht hat, per AirDrop und erklärt mir ganz nebenbei die Technik. Dass wir dort oben Telefonnummern austauschen, verdanke ich der Nachricht von Lorena, die mich vor dem bevorstehenden Busstreik warnt. Wir verabreden, uns ein Taxi zurück nach Santiago zu teilen. Letztlich soll es dann anders kommen. Ich bleibe lieber noch einen Tag länger am Meer, Keith findet andere Mitfahrer.

Niemals hätte ich geglaubt, dass diese letzte Begegnung, die so zufällig scheint, der Beginn einer intensiven Freundschaft sein würde. Einer Freundschaft, die über eine Distanz von 8.000 Kilometern entsteht. Seit dieser Begegnung sind beinahe neun Monate vergangen, so viele Mails zwischen Keith und mir hin und hergegangen, so viele Erfahrungen und Erlebnisse ausgetauscht worden. Diese Freundschaft ist ein Teil meines Camino. Sie erinnert mich Tag für Tag daran, dass der Weg nicht zu Ende ist, wenn Du an der Wegmarkierung mit der Ziffer „0“ stehst. Diese Markierung ist nur der Hinweis auf einen Neubeginn.

Es war nicht ganz einfach, als eine andere wieder nach Deutschland in mein geregeltes Leben zurückzukehren. Ich musste meinen Platz dort erst wiederfinden. Ohne den Austausch und die empathische Präsenz von Keith wäre mir der Weg heute sehr viel weniger gegenwärtig. Erst diese Begegnung macht meinen Camino vollständig.

Ganz häufig höre ich Kommentare darüber, wie überlaufen der Camino Francés inzwischen ist. Und es stimmt: 2017 sind über 300.000 Pilger in Santiago angekommen. Doch ich persönlich kann nur sagen: Ohne die vielen Menschen, die den Weg bereitet haben, die vielen Pilger, die mit mir gemeinsam gegangen sind, und auch ohne die vielen Freiwilligen, die in den Herbergen helfen, wäre mein Weg kein Pilgerweg, sondern bestenfalls eine lange Fernwanderung gewesen.

Ich verneige mich vor Euch allen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.